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Stell dir vor, in 500 Jahren findet nicht wie bisher eine
Fußball-"Erdmeisterschaft", sondern wirklich eine "Weltmeisterschaft"
statt, Erdianer gegen Centarurier und Veganer. Und stell dir vor, die
Erdianer gewinnen. Was passiert, wenn die "Erdmeisterschaft" gewonnen
ist? Da brüllen die Fans aus vollem Hals, wildfremde Menschen umarmen
sich und Autos fahren hupend durch die Straßen. Was wird passieren,
wenn die Erdianer die "Weltmeisterschaft" gewinnen? Dann jubelt die
ganze Erde, vielleicht nicht von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang,
aber doch von Ost bis West, von Nord bis Süd. Sie jubeln nicht nur
allgemein mit unartikulierten Schreien, sondern sie skandieren auch
den Namen der siegreichen Mannschaft oder des Mannschaftskapitäns.
Nicht ganz so lautstark und enthusiastisch geht es zu, wenn wir
"den Namen des Herrn loben". Wie oft habe ich zu Beginn von Reli
geraden diesen Vers singen lassen: "Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem
Niedergang sei gelobet der Name des Herrn!" Zuerst war's etwas
zaghaft, dann nach dem 5. Mal konnten es alle, da hörte sogar ich
trotz Schwerhörigkeit so etwas wie Gesang. Aber so richtig
überschwänglich war's nie, eher eine Pflichtübung, mehr oder weniger
schön und laut.
Überschwänglichen Jubel über Gott können wir uns kaum noch
vorstellen. Wir singen im privaten Leben kaum noch. Um so wichtiger
ist, dass es wenigstens im Gottesdienst und in den Gruppenstunden
Gelegenheit zum Singen gibt. Nach Weihnachten treffen wir uns mit
Freunden und singen Weihnachtslieder, bis uns nichts mehr einfällt
oder der Hals wehtut. Ich habe dabei die Erfahrung gemacht: Das tut
gut, das putzt so richtig die Seele aus.
Das "deutsche Problem" ist bekanntlich der Text. Mehr als die erste
Strophe fällt uns nicht ein. Dazu haben wir ja Liederbücher. Aber
meist machen wir den Fehler, dass wir das Buch auf dem Tisch oder dem
Schoß liegen haben. Wir senken dabei den Kopf, als ob wir beten
wollten, und klemmen uns dabei den Kehlkopf zwischen Brust und Kinn. (Probier's
mal aus, drück das Kinn fest auf die Brust und versuch zu singen oder
zu sprechen: Du kriegst keinen Ton heraus). Professionelle Sänger
halten das Blatt hoch und den Kopf nach oben. Da kriegen sie Luft und
da macht das Singen auch Spaß.
Das aber nur nebenbei. Du siehst: Wenn wir's richtig machen mit dem
Lob Gottes, profitieren wir selbst auch davon.
In der Bibel ist das Gotteslob eine Art Mission: Da wird nicht nur
"Halleluja" und "Hosianna" gerufen, sondern da wird von Gott erzählt.
Zum Beispiel Psalm 118, ein Dankpsalm nach einer Krise. Der Beter
nimmt das nicht selbstverständlich hin oder sagt verschämt im stillen
Kämmerlein "Danke, lieber Gott", sondern er feiert einen
Dankgottesdienst und lädt die Gemeinde zum Mitdanken ein und
"verkündet des Herrn Werke" (V. 17), d.h. er erzählt, wie es ihm
ergangen ist. In anderen Psalmen wird das sehr deutlich gesagt, z.B.
in Psalm 107 (verschiedene Gefahren, aus denen Gott gerettet hat).
Grund zum Loben gibt nicht nur das persönliche Ergehen, sondern
auch die Schöpfung (Psalm 104, "Geh aus mein Herz und suche Freud")
und die Geschichte (Psalm 105).
Wichtig dabei ist immer, dass wir unsere guten Erfahrungen mit
anderen teilen und sie nicht für uns behalten. Ja es gibt sogar im
Alten Testament schon den Gedanken, dass sogar die andersgläubigen
Nationen von den großen Taten Gottes hören und in das Lob Gottes
einstimmen.
Ich hatte vor 20 Jahren das Konzept einer "missionarischen
Jugendarbeit" gepredigt und halte immer noch daran fest. Das haben
einige vielleicht so verstanden, als ob wir den armen Kindern, die uns
anvertraut sind, ein fremdes Konzept überstülpen wollten, statt ihnen
"integrativ" zu freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu verhelfen.
Alles Quatsch! Mission ist einfach von den guten Erfahrungen erzählen,
die wir und andere Menschen auf der ganzen Welt seit Tausenden von
Jahren mit Gott gemacht haben. Wir "loben" ja auch sonst und erzählen
davon weiter, was wir für gut finden. Warum nicht auch von unserem
Glauben?
Heinrich Tischner |