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"Ich will alles, und zwar sofort," sagt der moderne Mensch. "Warum
soll ich irgendwas entbehren? Warum soll ich auf was warten? Ich will
alles, und zwar sofort."
Wobei es uns bewusst ist, dass es gar nicht gut ist, alles auf
einmal zu bekommen. Wer zu viel isst, verdirbt sich den Magen und
sammelt Pfunde. Und wer schon viel essen will, der tut gut daran, sich
dazu Zeit zu nehmen, weil er gar nicht alles auf einmal verdauen kann.
Schon dieses Beispiel zeigt, dass es besser ist, kleinere Portionen zu
nehmen und sich Zeit zu lassen.
"Ich will alles, und zwar sofort" soll bestimmt nicht heißen "Ich
will auch das Schlechte: Misserfolg, Pech, Verlust, Unfall, Krankheit,
Tod." Davor wollen wir uns ja alle hüten. Aber wissen wir denn, was
für uns gut ist? Ich habe gelernt, manche Süßigkeiten zu meiden, weil
ich ein paar Stunden später garantiert eine Zahnfleischentzündung
habe. Aber nicht immer weiß ich, was ich mir schadet und was nicht.
Manches, was gut aussah, war in Wirklichkeit schlecht, und manches,
was mich erst geärgert hat, hat mir am Ende gut getan.
Die Bibel erzählt die Geschichte eines Mannes, die auf Evangelisch
Hiob, auf Ökumenisch Ijob heißt. Der brauchte gar nicht erst alles zu
wollen, denn er hatte schon alles, was das Herz eines
altorientalischen Patriarchen erfreuen konnte: Frau und prächtige
Kinder, große Herden, Karawanen und Handelsschiffe. Was braucht der
Mensch mehr? Dazu war er, so die Bibel, ein grundanständiger Mensch,
dem man nichts vorwerfen konnte und der sich sogar Sorgen machte, dass
sich seine Kinder nicht versündigten, wenn sie einmal eine Party
feierten.
Dann verliert Hiob alles, und zwar sofort: Die Kinder kommen bei
einem Unglück ums Leben, ein Sturm verschlingt die Flotte und Räuber
nehmen ihm Herden und Karawane. Zu allem Überfluss verliert Hiob auch
noch seine Gesundheit. Was ihm bleibt, ist sein Leben, ein
unerträgliches Jucken am ganzen Körper, seine Frau, die ihm den Kopf
voll jammert, eine Handvoll Freunde, die ihm Vorwürfe machen, die
Müllhalde als Wohnsitz sowie eine Scherbe zum Kratzen.
Mit den Freunden führt er später heiße Diskussionen, aber das
Gejammer seiner Frau bringt er mit einem einzigen Satz zum Verstummen:
"Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch
annehmen?"
Das Gute nehmen wir so selbstverständlich hin und können nicht
genug von kriegen. Es steht zwar nicht ausdrücklich da, aber ich
könnte mir vorstellen, dass der fromme Hiob sich dafür regelmäßig bei
Gott bedankt hat, und zwar nicht nur beim jährlichen Erntedankfest.
Jedenfalls heißt es, dass kein Armer umsonst an seiner Tür geklopft
hatte. Sein Dank war auch die Anerkenntnis, dass "Reichtum
verpflichtet".
Aber Hiob nimmt nicht nur das Gute aus Gottes Hand, sondern auch
das, was ihm nicht gefällt, den Tod seiner Kinder, die Verluste, die
Krankheit, die Müllhalde.
Das kann nur, wer ein starkes Gottvertrauen hat. Das kann nur, wer
überzeugt ist, dass Gott allein weiß, was uns gut tut und was nicht,
und dass er auch aus dem Bösesten Gutes wachsen lassen kann.
Wer das glaubt, kann dann mit Mörike beten:
"Herr, schicke, was du willt,
ein Liebes oder Leides.
Ich bin vergnügt, das beides
aus deinen Händen quillt."
Heinrich Tischner
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