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Liebe Leserin, lieber Leser!
Viele Christen sind damit beschäftigt, ihren Glauben zu erhalten.
Das ist sinnvoll und lobenswert, weil unser Glaube ja dadurch
gefährdet wird, dass andere anders oder gar nicht glauben. Und wenn
wir nicht darauf achten, dass unser Glaube immer wieder neu gestärkt
wird, dann verlieren wir ihn. Glaube aber ist kein Besitzstand, den
wir hüten und verteidigen können, sondern eine Tätigkeit. Er lebt
davon, dass wir ihn praktizieren, dass wir nicht nur glauben, sondern
auch hoffen und lieben. Er ist nichts Starres, sondern muss immer in
Bewegung bleiben – und wachsen. Wer damit beschäftigt ist, seinen
Glauben nur zu erhalten, ist in Gefahr, ihn zu verlieren. Ein Glaube,
der nicht wächst, schläft ein und stirbt ab.
Vor lauter Besitzstandswahrung vergessen wir leicht, dass das
Evangelium keine "Lehre" ist, die für alle Zeiten gilt, sondern eine
Botschaft, die Neues bringt, verkrustete Strukturen aufbricht und
sogar Unruhe schafft. Gestern Abend hatten wir mit ein paar Leuten vom
CVJM den amerikanischen Lutherfilm angesehen. Der spielt in einer
Zeit, in der das Evangelium tatsächlich als bahnbrechende Botschaft
verstanden wurde: Es fing bei einem Menschen an, griff auf andere
über, veränderte sie, rief Unruhe, Tumulte, Kriege hervor – und
erstarrte nach einigen Jahrzehnten in toter Rechthaberei und
"Besitzstandswahrung".
Auch unser Monatsspruch redet vom Neuen, das Gott schaffen will.
Konkret geht's um das Ende der Babylonischen Gefangenschaft. Ein
ganzes Volk war in ein fremdes Land umgesiedelt worden, in der
Hoffnung, dass es sich dort anpasst und damit untergeht. Die
verschleppten Judäer passten sich aber nicht an, sondern hielten zäh
an ihren überlieferten Glaubensvorstellungen und Bräuchen fest. Dinge,
die ihnen vorher überhaupt nicht wichtig waren, wie Glaube an nur
einen Gott, der nicht in Bildern dargestellt und an einem besonderen
Tag in der Woche geehrt wird, bekamen eine ganz neue Bedeutung. Die
Gelehrten begannen, alte Traditionen zu sammeln, neu zu deuten und
aufzuschreiben – heute im Alten Testament erhalten. Das Exil war eine
Zeit geistlicher Erneuerung, eine Art Reformation.
Und dann trat eines Tages ein Prophet auf, dessen Name wir nicht
kennen und den wir Deuterojesaja nennen, den "zweiten Jesaja", weil
seine Worte im zweiten Teil des Jesajabuchs erhalten sind. Er kündigte
mit dem Monatsspruch "Neues" an, von Gott bewirkt und schon im Werden:
konkret: das Ende des Exils, Weg und Wasser in der Wüste, die die
Judäer von der Heimat trennte.
Der persische König Kyros fing gerade an, sich ein Weltreich
zusammen zu erobern. Er werde, so der Prophet, das auserwählte
Werkzeug Gottes sein, mit dem er ein Volk befreien wird. Tatsächlich
besetzte der Perser Babylon und erlaubte den Judäern die Rückkehr und
den Wiederaufbau der zerstören Heimat.
Als ich diesen Monatsspruch las, fiel mir natürlich sofort dieser
König Kyros und die Erlaubnis zur Rückkehr ein. Daran hat der Prophet
mit diesem Spruch wahrscheinlich gedacht. Aber ist das nicht zu kurz
gegriffen? Wäre ein Wiederaufbau, ja ein Überleben in der Fremde ohne
diese geistliche Erneuerung und Reformation überhaupt möglich gewesen?
Das Neue fing doch damit an, dass sich die gefangenen Judäer auf das
Alte besannen, genauso wie die Reformation damit anfing, dass sich
Martin Luther auf das Alte besann.
Wenn du, liebe Leserin und lieber Leser, diese Andacht liest, wird
inzwischen Dezember und Advent sein. Bei dem "Neuen", das Gott
schaffen wird, müssen wir in dieser Zeit vor allem an Jesus denken,
den "Reformator" vor 2000 Jahren. Auch er schuf Neues dadurch, dass er
sich auf das Alte besann: In einer Zeit, in der man das Wort Gottes in
Tausende einzelner Paragraphen zerpflückte, fand Jesus einen neuen
Weg, indem er sich auf das Alte, den ursprünglichen Willen Gottes
besann: "Liebe Gott und sei lieb zu deinem Mitmenschen".
Aber das ist nicht alles, was sich über Jesus sagen lässt. Er
verstand sich selbst als "Kind Gottes", zu einem neuen Menschen
geworden durch die Taufe. Ja noch mehr, wir sehen in ihm den
Prototypen des neuen Menschen, von Gott neu erschaffen wie seinerzeit
Adam und Eva. Jesus konnte Neues bringen, weil er das mit der Umkehr
und Erneuerung ganz ernst genommen hatte.
Leider haben wir aus Jesus eine Symbolfigur gemacht, die
stellvertretend für uns umgekehrt und zu einem neuen Menschen geworden
ist. Und dabei hat Jesus uns nicht aufgefordert, ihn als ein
einmaliges Wunder anzubeten, sondern ihm nachzufolgen und selbst neue
Menschen zu werden.
Paulus hat das noch gewusst, wenn er schreibt: "Ist jemand in
Christus, so ist er ein neues Geschöpf. Das Alte ist vergangen. Siehe
Neues ist geworden." (2. Kor. 5,17).
Ich wünsche mir nichts sehnlicher als eine geistliche Erneuerung in
unserem Land, in unsrer Kirche, auch in unserem CVJM – und vor allem
bei dir, liebe Leserin und lieber Leser
Herzlichst
Heinrich Tischner |