|
Liebe Leserin, lieber Leser,
was ist mit der "Jugend von heute" los? Ich meine jetzt nicht die
Fixer und Frühalkoholiker und Kriminellen, sondern die ganz Braven, zu
denen du ja wohl auch gehörst oder gehört hast. Seit über 20 Jahren
beobachte ich, dass die Leute, aus denen später etwas wird, in ihrer
Jugend ganz unauffällig sind und sich höchstens durch besonders gute
Leistungen auszeichnen. Wer bei den geringen Zukunftschancen heute
etwas werden will, muss sich anpassen.
Vor 40 Jahren, in meiner Jugend, war das anders. Wir waren eine
aufmüpfige Generation. Meine letzten beiden Studiensemester gingen
unter in der beginnenden Studentenrevolte. Vor lauter Demos, Sit-ins
und nicht enden wollenden Diskussionen war ein geregelter
Unterrichtsbetrieb nicht mehr möglich. Und alles endete in den
Siebzigerjahren im Terrorismus: Junge Menschen aus den besten Familien
legten Bomben, entführten und töteten Prominente und taten all das,
was wir heute islamischen Fundamentalisten zuschreiben: Im
verzweifelten Kampf gegen das offensichtliche Unrecht der Mächtigen
schienen alle Mittel erlaubt.
Eigentlich war das kein Kampf der Benachteiligten gegen die
Mächtigen, sondern ein Generationenkonflikt: 20 Jahre lang hatten
unsere Eltern wiederaufgebaut und materielle Werte geschaffen und wir
profitierten von dem beginnenden Wohlstand. Die inneren Werte waren
für viele mit dem Zusammenbruch des Naziregimes kaputtgegangen. Für
die Suche nach neuen Werten hatte man keine Zeit. Wir Jungen
protestierten gegen die einseitige materielle Orientierung der
Erwachsenen.
Auch Jesus hat diesen Generationenkonflikt durchgemacht: Er sagte
sich in einer dramatischen Szene von seiner Mutter und seinen
Geschwistern los, die den durchgeknallten Aussteiger wieder zur
Vernunft bringen und in die heimische Schreinerwerkstatt zurückführen
wollten. Er hatte ja schließlich für seine verwitwete Mutter zu
sorgen. Aber Jesus wollte nichts mehr mit den Angehörigen zu tun haben
und erklärte seine Jünger zu seiner neuen Familie.
Das kann gefährlich werden und junge Menschen bestärken, ihren Kopf
durchzusetzen unter dem Vorwand Gottes Willen zu tun. Das kann dazu
führen, dass Familienbande zerbrechen, dass Kinder sich von ihren
Eltern lossagen und Ehepartner voneinander. Das kann dazu führen, dass
ungefestigte junge Menschen in den Klauen einer Sekte landen. Das kann
dazu führen, dass sich Jugendliche und Erwachsene zu den
schrecklichsten Verbrechen "im Namen Gottes" hinreißen lassen. Ist
Jesus in dieser Hinsicht ein schlechtes Vorbild?
Wir müssen da die Bibel im Zusammenhang lesen: Jesus hat die
Gefahren des religiösen Fanatismus sehr klar erkannt und darum als
gleichwertig und ergänzend neben die Gottesliebe die unbedingte
Menschenliebe gestellt. Fanatismus ist menschenverachtender "Eifer für
Gott", fehlgeleitete einseitige Liebe zu Gott oder einem Ideal. Darum
legen fast alle Apostel übereinstimmend mit Jesus immer wieder dar:
"Wer Gott liebt, der muss auch seinen Bruder lieben."
Umgekehrt kann einseitige Liebe zu den Menschen zu falschem
Verhalten führen. Wir erwarten von unserem Partner die Erfüllung
unseres Lebens und überfordern ihn damit. Zwei Haltlose können
einander nicht stützen. Ich kann dem anderen nur was geben, wenn ich
selbst was bin und was zu geben habe. - Auch Eltern erwarten von ihren
Kindern oft die Erfüllung ihres Lebens: das Ziel erreichen, das sie
nicht erreichen konnten – die zerbrechende Ehe kitten: Besitz
ergreifende Liebe, die keine Freiheit lassen kann. Um wirklich lieben
zu können, brauchen wir Gott. Ich kann stark sein und Halt geben, weil
ich selbst einen Halt gefunden habe. Ich kann Liebe schenken, weil
Gottes Liebe mein Herz erfüllt. Ich muss niemand an mich ketten, weil
Gott mich selbst freigemacht hat.
"Jesus Christus spricht: Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder
und meine Schwester und meine Mutter." Gottes Willen tun wir, indem
wir Gott und die Menschen lieben.
Herzliche Grüße
Heinrich Tischner |