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Liebe Leserin, lieber Leser,
der Prophet Mohammed soll einmal von einem Beduinen gefragt worden
sein: "Was meinst du, kann ich mich auf Gott verlassen oder soll ich
meine Kamele anbinden?" Antwort: "Vertraue auf Gott und binde deine
Kamele an."
Gottvertrauen darf also kein Ersatz für eigene Vorsorge sein. Das
soll diese kleine Anekdote zeigen. Wer nachts seine Kamele frei
herumlaufen lässt, braucht sich nicht zu wundern, wenn sie morgens
nicht mehr da sind.
Das gilt auch für die Beispiele aus dem Monatsspruch: Wenn die
Handwerker nichts tun und der Bauherr nicht dahinter her ist, passiert
nichts. Gott zaubert keine Häuser herbei. – Wenn der Wächter es nicht
für nötig hält, seinen Dienst zu tun, dann haben Angreifer und
Verbrecher freie Hand.
Und trotzdem sehen wir gerade am letzten Beispiel: Der Dienstfleiß
des Wächters allein macht's nicht. Er kann seine Augen nicht überall
haben. Während er auf der Ostseite nach dem Rechten sieht, kann auf
der Westseite unbemerkt ein Dieb einsteigen. Wie oft sind militärische
Wachen als erste bei einem Angriff getötet worden! Und umgekehrt gibt
es Geschichten, wo die Stadt gerettet wurde, obwohl die Wächter
schliefen. Im alten Rom waren's Gänse, die zu schnattern anfingen, als
die Gallier über die Mauern kletterten.
Das Leben ist ja weitaus komplizierter, als dass wir es in einfache
Regeln fassen könnten. Die römischen Wächter haben sich nicht drauf
verlassen, dass die Gänse sich schon melden würden, wenn jemand kommt.
Sie waren leichtsinnig oder übermüdet. Weder die Gallier noch die
Römer konnten ahnen, wie die Geschichte ausgehen würde.
So ist es ja auch, wenn wir ein Haus bauen. Der Bauherr kann noch
so aufpassen und die Handwerker noch so fleißig sein, und trotzdem
kann etwas dazwischen kommen, so dass alles umsonst war. Wenn die
Firma Pleite macht, bleibt vorerst mal alles liegen. Unvorhergesehene
technische Schwierigkeiten können die Vollendung des Baus verzögern,
eine Naturkatastrophe oder ein Anschlag alles wieder zunichte machen.
Das Reaktorunglück von Tschernobyl soll dadurch zustande gekommen
sein, dass ein paar Mitarbeiter Experimente machen wollten und daher
das Sicherheitssystem ausgeschaltet hatten. Kleine Unwägbarkeiten
haben schon oft Katastrophen ausgelöst – oder Übeltaten verhindert.
Absolute Sicherheit gibt es nicht. Wir sind zwar verpflichtet,
alles zu tun, was in unsrer Macht steht, um ein gutes Werk zu
vollenden (wie den Bau eines Hauses) oder um Verbrechen und
Katastrophen zu verhindern (wie der Wächter). Aber wir sind nicht
allmächtig und können nicht jedes Risiko ausschalten.
Gott beginnt mit seinen Aktivitäten manchmal, bevor wir überhaupt
eine Gefahr ahnen. Wie oft sind wir bewahrt worden, ohne etwas zu
merken. Gott bleibt weiter am Werk, auch wenn tatsächlich einmal etwas
passiert ist. Er hilft uns durch, gibt uns neuen Mut und neue Kraft
und führt schließlich alles zu einem guten Ende. Wichtig ist nicht,
dass alles gut geht, was wir planen, sondern dass Gott mit uns zu
seinem Ziel kommt und am Ende mit uns alles gut wird – im irdischen
und im ewigen Leben.
Mit freundlichen Grüßen
H. Tischner |