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Liebe Leserin, lieber Leser,
"wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind", damit
beginnt das Kinderbuch "Der Struwwelpeter": Der weihnachtliche
Geschenkebringer kommt auch zu ihnen, wenn sie sich kämmen, die Nägel
schneiden, niemand quälen und keinen Daumen lutschen. Sonst kommen
statt des Christkinds die Spötter, der bissige Hund oder der Schneider
mit der Scher'. Eigentlich ein durchaus christlicher Gedanke: Die
Bösen werden bestraft und die Guten werden belohnt.
Ähnliches scheint auch das Prophetenwort zu sagen: Wenn ihr für
Recht und Gerechtigkeit sorgt und schön den Sabbat haltet (Vers 2),
dann kommen Gottes Heil und Gottes Gerechtigkeit.
Aber halt mal, das ist doch was anderes als beim Struwwelpeter!
Hier heißt es nicht: "Wenn ihr all das tut, was Gott von euch
erwartet, die 10 Gebote haltet, Geld spendet und im CVJM mitarbeitet,
dann lässt sich Gott vielleicht dazu bewegen, das Paradies auf Erden
kommen zu lassen, wo es genug zu essen für alle gibt und keinen Krieg
mehr." Sondern: "Wenn ihr für Gerechtigkeit sorgt, dann wird sich
Gottes Gerechtigkeit offenbaren." (Ich kürze ab, um's ganz deutlich zu
machen!) Gottes Heil und Gottes Gerechtigkeit beginnen doch damit,
dass wir das Recht wahren und für Gerechtigkeit sorgen.
Die Beispiele aus dem "Struwwelpeter" können uns klar machen, wie
das gemeint ist. Auf den ersten Blick erhält jeder der kleinen
Übeltäter seine Strafe, manchmal ein bisschen absurd: Der "böse
Friederich" wird von einem Hund gebissen, der "Zappelphilipp" fällt
vom Stuhl und verdirbt das Mittagessen, das zündelnde Paulinchen
verbrennt, der Nikolaus steckt die bösen Buben ins Tintenfass, die den
Mohren verspottet hatten und der Schneider amputiert die abgelutschten
Daumen. Und die Moral von der Geschicht': Alle Schuld rächt sich auf
Erden? Eine Aufforderung an alle Möchtegern-Richter und -Rächer, hart
durchzugreifen? Beileibe nicht!
Die eigentliche Moral ist doch eine ganz andere: Der "böse
Friederich" lernt die bittere Lektion, wie das weh tut, wenn man
selbst gequält wird. Der Nikolaus macht die bösen Buben selbst zu
"Mohren"; jetzt erfahren sie am eignen Leib, wie das ist, wenn man
wegen seiner schwarzen Haut verspottet wird. Die Moral ist also eine
ganze andere: Überleg dir vorher, was das für Folgen haben kann wenn
du das tust (du kannst verbrennen wie Paulinchen oder in den Fluss
fallen wie "Hans guck in die Luft"). Und: Versetz dich einmal in die
Lage derer, die du quälst oder verspottest.
Hier fängt die Gerechtigkeit an und nicht damit, dass Übeltäter
verurteilt und bestraft werden. Gottes Gerechtigkeit fragt nicht
danach, was wir verdienen (z.B. Lohn oder Strafe), sondern was wir
brauchen (z.B. niemand will verspottet oder gequält werden). Und
Gottes "Heil und Gerechtigkeit" kommen nicht dadurch, dass er sie uns
schenkt wie das Christkind den artigen Kindern ein Bilderbuch, sondern
dass wir anfangen sie zu verwirklichen. Gottes Heil und Gerechtigkeit
fängt damit an, dass der Friederich und die bösen Buben niemand mehr
quälen und verspotten, dass die Eltern des Zappelphilipp mit dem
Jungen zum Kinderpsychologen gehen, dass die Frau Mama dem Konrad
nicht mehr dem Schneider droht und dass niemand mehr den
übergewichtigen Kaspar zwingt, seine Suppe zu essen. (Die Schuld liegt
ja nicht immer nur bei den unartigen Kindern.)
Ähnliches hat auch Jesus gesagt: Die Gottesherrschaft fängt damit
an, das ich, Jesus, anfange mit dem Gott Ernst zu machen, der die
Liebe ist.
Mit freundlichen Grüßen
Heinrich Tischner
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