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Liebe Leserin, lieber Leser,
Gott als Gegenstand von Jubel und Freude? Wir reden und denken über
Gott anders: Man kann stundenlang drüber philosophieren, ob es ihn
gibt oder nicht. Von ihm steht in der Bibel, im Gesangbuch und in
religiösen Schriften und wir singen die Lieder und lesen die Texte.
Aber Gott als Gegenstand von Jubel und Freude, so kennen wir ihn
nicht. Wieso sollten wir uns über Gott freuen? Was haben wir von Gott?
Auch wenn ich selbst nicht zu überschwänglichen Gefühlsausbrüchen
neige, so bin ich doch froh dafür, dass Gott da ist. Dass ich das
glaube, gibt mir Geborgenheit. Ich bin gewiss, dass mir nichts
geschehen kann als das, was Gott geschehen lässt. Auch wenn's
unangenehm ist, weiß ich doch, wo's herkommt. Das hilft mir, das
Unvermeidliche zu tragen. Im Glauben an Gott bekommt alles einen Sinn:
Die Welt, die Menschen, ich selbst und mein Schicksal. Auch wenn ich
manches nicht verstehe, kann ich doch annehmen: Gott wird sich was
dabei gedacht haben.
Mit Gott bin ich auch in der größten Einsamkeit nicht allein. Ich
weiß: Er ist da, auch wenn ich ihn nicht sehe, aber er sieht mich, und
ich kann mit ihm reden. Auch wenn er sich scheinbar lange in Schweigen
hüllt, hört er doch zu und handelt, wenn es Zeit dazu ist. Er sieht
mich aber auch dann, wenn ich Fehler mache. Nicht, um sie mir
hinterher vorzuhalten und um mich dafür zu bestrafen, sondern er will
mich davor bewahren, noch schlimmere Fehler zu machen und mich in
meine Fehler zu verstricken. Wie oft habe ich den Eindruck, dass mich
Gott wie an einer unsichtbaren Leine hält, die meine Freiheit zwar
kaum einschränkt, die mich aber doch davon abhält, wegzulaufen.
Wie gesagt, ich bin froh und dankbar dafür und weiß das wohl zu
schätzen; aber überschwänglicher Jubel? Liegt das nur an meiner
Veranlagung?
Wenn wir den Monatsspruch in seinem ursprünglichen Zusammenhang
bedenken, wird uns etwas klar, was bisher noch nicht zur Sprache kam:
Gott ist nicht nur unsichtbar im Hintergrund da, sondern er handelt,
wie uns der Prophet klar macht: Ein Menschenalter war es her, da hat
er seinem Volk mal kräftig auf die Finger hauen müssen. Oder anders
ausgedrückt: Sie wollten's nicht anders haben; sie haben alle
Warnungen in den Wind geschlagen und es drauf angelegt, in ihr
Verderben zu rennen. Da kann Gott sehr hart sein. Er hindert uns nicht
dran und lässt uns unsre Freiheit. Er hindert uns nicht daran, unsere
eigenen Wege zu gehen, und er hält uns auch nicht davon ab, uns selber
unglücklich zu machen. Aber er nagelt uns nicht auf unsre Fehler fest.
Das durfte auch der Prophet erfahren, von dem unser Monatsspruch
stammt. Er gibt zu: Wir haben unsre Strafe bekommen; aber jetzt, wo's
passiert ist, da wird Gott plötzlich aktiv und tut alles, um uns aus
dem Schlammassel zu befreien, in den wir uns reinbegeben haben.
Israel hat das vor zweieinhalbtausend Jahren durchgemacht; sie
haben erlebt, wie Gott uns gewähren lässt und uns anschließend doch
wieder zurechtbringt. Unser eigenes Volk hat vor 60 Jahren Ähnliches
erlebt. Und sicher kann der eine oder andere von uns eine Geschichte
aus seinem eigenen Leben erzählen, wo's ihm genauso gegangen ist.
Wenn ich an mein eigenes Leben zurückdenke, dann bin ich geneigt,
in dem einen oder anderen Fall die vornehme Zurückhaltung aufzugeben
und lauthals in Jubel auszubrechen
Ich wünsche dir eine gesegnete und freudenreiche Advents- und
Weihnachtszeit.
Mit freundlichen Grüßen
Heinrich Tischner
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