









|
"Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln; Er weidet mich
auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser; Er erquicket
meine Seele."
Der Beter verspürt in seinem Leben die helfende Hand Gottes: Gott
sorgt für ihn; ihm fehlt nichts; es geht ihm gut; er hat alles, was er
zum Leben braucht. Er erkennt das dankbar und fasst diese Erkenntnis
in Worte: Ich erlebe Gott wie ein Schaf seinen Schäfer.
…wie ein Schaf seinen Schäfer? Das Schaf wird wohl nie begreifen,
wer der Schäfer wirklich ist. Es kennt ihn, sieht ihn, hört seine
Stimme - und kann ihn doch nicht begreifen. Unvorstellbar anders,
überlegen, ist der menschliche Schäfer gegenüber dem Schaf.
So muss auch der Beter Gott erleben: als den Nahen, Vertrauten, und
doch Fremden, ganz Anderen, Unbegreiflichen. Was er begreifen kann
mindestens eine Zeitlang: Gott sorgt für mich, ich hab's gut.
"Er führet mich auf rechter Straße um Seines Namens willen."
Der Beter begreift auch: Eines Tages muss ich runter von der grünen
Aue, da muss ich mich auf den Weg machen. Leben ist nicht Stillstand,
sondern Entwicklung, Fortkommen. Wenn ich weiterkommen will, auch in
geistlicher Hinsicht, muss ich Abschied nehmen vom sicheren bequemen
Leben und mich auf den Weg machen. Weg bedeutet nicht nur Bewegung,
sondern auch Strapazen, Mühsal, Schwierigkeiten. Die muss ich auf mich
nehmen, wenn ich weiterkommen will.
Der Beter begreift weiter: Dass er sich tatsächlich auf den Weg
macht, ist nicht sein eigener Wille. Er wird auf den Weg geführt und
den Weg entlang geführt. Also muss der Weg einen Sinn und ein Ziel
haben. Auch wenn ich den Weg nicht kenne - der mich draufgeführt hat,
kennt ihn und wird mich weiterführen. Ich darf mich auf Ihn verlassen.
Mein Lebensweg ist vorgezeichnet und mir "einprogrammiert", ohne
dass mir das bewusst ist. Ich weiß in der entscheidenden Situation
genau, was ich tun muss. Ich kann mich aber auch irren, kann das
unbewusste Wissen in den Wind schlagen und versuchen, einen anderen
Weg zu gehen. Ich bin daher drauf angewiesen, mich führen zu lassen,
damit ich den richtigen Weg finde.
"Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein
Unglück, denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich."
Ich mache mich also auf den Weg, in der Überzeugung, dass das der
richtige Weg ist. Dass er mühsam und beschwerlich ist, kann ich mir
denken. Aber wo führt er hin? Zu neuen Weidegründen? Um mich herum nur
Wüste, kahle Felsen, die immer näher an den Weg herankommen. Keine
Aussicht auf neue Weide! Ich muss von der Substanz leben. Ich muss von
dem leben, was mich der gute Hirte auf der grünen Aue hat finden
lassen.
Mir kommen Zweifel, ob das der richtige Weg ist. Er führt hinein
ins Gebirge, das Tal wird immer enger, eine richtige Schlucht, in der
kein Sonnenstrahl mehr den Boden erreicht. Ewiger Schatten.
Todesschatten. Ist das das Ende? Bin ich in eine Sackgasse geraten,
aus der ich nicht mehr heraus kann? Ich stecke in der engen, dunklen
Schlucht fest. Wer hilft mir?
Auf der grünen Aue war ich in guter Gesellschaft. Das Schaf weidet
in der Herde, ist aufgehoben in der Herde, beschützt und gehütet vom
guten Hirten. Doch jetzt? Wenn ich mich richtig besinne, bin ich schon
lange allein. Die anderen sind nicht mit mir gegangen. Ich bin allein
aufgebrochen in das Tal der Todesschatten. Sie konnten mich nicht
begleiten.
Und doch bin ich nicht allein. Der mich hierher geführt hat, ist
bei mir. Ich spüre Seine Nähe, auch wenn ich nichts sehe. Ich empfinde
keine Angst. Der andere ist bei mir. Sein Hirtenstock und sein
Stützstab waren mir schon immer eine Garantie dafür, dass Er mich
schützt, mit dem Stock verteidigt, und dass Er nicht müde dabei wird,
weil Ihm der Stab Halt gibt. Der Stecken und der Stab - sind das nicht
die beiden Balken des Kreuzes, das Zeichen dessen, der mir auf dem Weg
ins Tal des Todes vorangegangen ist?
Jetzt weiß ich's, obwohl ich immer noch nichts sehe: Der bei mir
ist, ist Christus - kein namenloses Schicksal, sondern ein Mensch wie
ich. Nicht mehr Schaf und Mensch, zwei völlig verschiedene Wesen,
sondern Mensch und Mensch, mein Freund und ich, gehen durchs finstere
Tal.
Zu Freunden, Seinesgleichen sagt man nicht 'Sie', auch nicht das
altertümliche 'Er', sondern 'du'. Darf ich's wagen, zu meinem Führer
'du' zu sagen? "Du bist bei mir."
"Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du
salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und
Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde
bleiben im Hause des HERRN immerdar."
Auf einmal - ich weiß auch nicht wie - sind wir hindurch. Alles ist
anders: Luft, Licht, viel Platz, kein enges Tal mehr. Aber auch kein
Weg und keine grüne Weide und frisches Wasser mehr, sondern ein
gedeckter Tisch im Haus des HERRN. Was mir der gute Hirte geboten hat:
Gras und Wasser, ist mager und dürftig im Vergleich zu dem, was Er mir
auf dem gedeckten Tisch serviert!
Ich bin hindurch, drüben, auf der anderen Seite. Hier Schaf und
Schäfer, vertraut und zugleich unbegreiflich, drüben Gast und
Gastgeber, wie Mensch und Mensch, von Angesicht zu Angesicht. Nichts
Unbegreifliches mehr.
Was war die saftige Weide und das klare Wasser im Vergleich zu dem,
was ich jetzt habe? Noch nicht mal ein Vorgeschmack, nur eine
Vorstufe, eine Durchgangsstufe zum Eigentlichen. Hier gibt's keinen
Aufbruch mehr, denn ich darf bleiben.
Meine Gedanken schweifen zurück auf das Land, aus dem ich komme. So
ganz neu ist die Situation hier ja nicht. Der mich jetzt bewirtet, war
schon drüben bei mir, als guter Hirte. Er war derselbe, auch wenn ich
Ihn jetzt anders erlebe. Ich war schon damals Sein Gast; das alte
Vertrauensverhältnis besteht weiter. Da hat sich auch im finsteren Tal
nichts geändert.
Am Tisch, an dem ich sitze, ist viel Platz. Was ist mit den
Menschen, die ich drüben gekannt habe? Mit meinen Freunden und meinen
Feinden? Auch für sie ist der Tisch gedeckt, auch für sie steht ein
Stuhl da. Wir essen gemeinsam, die schon vorher da waren, ich, und die
nach mir kommen. Meine früheren Feinde sitzen mir gegenüber. Was heißt
hier Feinde? Wir hatten verschiedene Ziele, gingen verschiedene Wege,
verstanden einander nicht. Jetzt sitzen wir an einem Tisch - auf
verschiedenen Wegen ans gleiche Ziel gekommen. Was soll die alte
Feindschaft? Der gemeinsame Tisch eint uns.
Haben alle den Weg hierher gefunden? Oder haben sich ein paar
meiner früheren Freunde und Feinde verirrt, sind stecken geblieben,
jämmerlich umgekommen, weil sie sich nicht führen ließen? Der Gedanke
macht mir Angst, mitten in der Geborgenheit, mitten in der himmlischen
Seligkeit. Was ist mit ihnen? Wer hilft ihnen hierher? Ich kann das
eigentlich nur dem guten Hirten überlassen, der mich auch hergebracht
hat - trotz meiner Angst, trotz meiner Zweifel, ob das der richtige
Weg ist, trotz meines Eigensinns, der lieber einen anderen Weg
gegangen wäre.
Heinrich A. Tischner |