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Liebe Leserin, lieber Leser,
Regierungen werden alle vier Jahre neu gewählt. Selten hält es ein
Bundeskanzler länger als acht Jahre aus. Fester als die Sessel
heutiger Politiker stehen die Throne in den Monarchien. Die Dynastie
der Habsburger zum Beispiel hat Teile Europas seit dem
12er-Jahrhundert bis 1918 beherrscht. Dann war auch ihre Zeit
abgelaufen.
In diesen Kategorien denkt das Buch Daniel, dem der Wochenspruch
für August entnommen ist: Die Juden leben Mitte des 1er-Jahrhunderts
v. Chr. in einer schlimmen Zeit. Der syrische König Antiochus, dem sie
unterstehen, versucht mit Gewalt die jüdische Religion abzuschaffen.
In dieser Zeit kommt ein älteres Buch zu neuen Ehren, das sich auf
einen sagenhaften Weisen der Vorzeit, Daniel, beruft. Die Handlung
spielt ein paar Jahrhunderte vorher, während der "babylonischen
Gefangenschaft", als die Vorfahren der Juden nicht nur unter fremder
Herrschaft, sondern sogar in einem fremden Land leben mussten und
mancherlei Repressalien ausgesetzt waren. Das Buch macht den damaligen
Lesern klar:
- Man kann auch in einem fremden System leben und seinen Glauben
praktizieren, wenn man sich nicht abkapselt, sondern bereit ist
mitzuarbeiten, ohne seinen Glauben zu verraten. Der gefangene Judäer
Daniel steigt in die höchsten Ämter auf und findet das Wohlwollen
seiner königlichen Chefs: eine deutliche Absage gegen engstirnigen
Nationalismus. Daniel wird zwar von verschiedenen Seiten
angefeindet, aber er bringt erst den babylonischen Großkönig
Nebukadnezar, dann den persischen Schah Darius dazu, seinen Glauben
nicht nur zu respektieren, sondern sogar staatlich anzuerkennen
(davon handelt der Monatsspruch). Historisch nicht korrekt, aber im
persischen Reich gab's immerhin Religionsfreiheit.
- Tatsächlich innerhalb weniger Generationen hat im Orient dreimal
die Vorherrschaft gewechselt: erst die Assyrer, dann die Babylonier,
dann die Perser. Das persische Reich wurde schließlich von Alexander
erobert. In seiner Tradition stand Antiochus. Historische Erkenntnis
also: Menschliche Staatsgebilde halten nicht ewig, sondern sind
zeitlich begrenzt. Auch die Herrschaft des Wüterichs Antiochus
sollte ein Ende haben.
- Im zweiten Teil des Danielbuchs wird dieses Thema breit
dargestellt in verschiedenen Visionen, die nur für Eingeweihte
verständlich sind. Hauptaussage: Regierungen und Reiche sind
vergänglich; die Politiker müssen sich eines Tages vor dem
himmlischen Richter verantworten. Gottes Plan: An die Stelle der oft
sehr bestialischen menschlichen Reiche, symbolisiert durch wilde
Tiere, wird die humane, menschliche Herrschaft Gottes treten,
symbolisiert durch die Gestalt des Menschensohns. Dessen Herrschaft
wird kein Ende haben, wie im Monatsspruch gesagt.
Jesus hat dieses Thema zum Inhalt seiner Verkündigung gemacht: Das
Reich Gottes, von dem Daniel träumt, hat angefangen. Jesus versteht
sich als Menschensohn, ein Himmelswesen. Im Johannesevangelium
diskutiert Jesus mit Pilatus seinen Herrschaftsanspruch und stellt
fest: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Jesus hat seinen Daniel
gründlich studiert.
Mit "Herrschaft" und "Reich" können wir Modernen nichts mehr
anfangen. Diese Wörter sind seit 1918 und 1945 unmöglich geworden. Wie
sollen wir denn heute den Monatsspruch verstehen? Sagen wir's so:
Jesus hat der Liebe universale Geltung verschafft. Gott ist Liebe und
wenn wir lieben, ist Gott wirksam oder "herrscht" Gott. Das hat Jesus
gewollt, das haben die Apostel bestätigt. Setzen wir's um in unser
Leben und in unsre kleine Welt!
Mit freundlichen Grüßen
Heinrich Tischner |