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Liebe Leserin, lieber Leser,
eigentlich müsste man die Bibel verbieten. Denn wenn man sie ernst
nimmt, verträgt sie sich weder mit den Werten der EU noch mit denen
einer freien Wirtschaft und gefährdet unsere westliche Welt mehr als
alle Terroristen.
Das zeigt der Monatsspruch. Unverantwortlich von den
Verantwortlichen, die gemeint haben, man könne diesen Vers als
erbaulichen Monatsspruch nehmen. Haben die nicht daran gedacht, dass
dieser subversive Spruch in allen Gemeindebriefen und sogar beim CVJM
im Web steht und ausgelegt wird?
HABGIER ist der Motor der Wirtschaft. Wenn der reiche Kornbauer im
folgenden Gleichnis nicht habgierig gewesen wäre, hätte er nicht mehr
angebaut, als er und seine Familie zum Leben brauchten. Stattdessen
hatte er alle Äcker seines Dorfes an sich gerissen, die
Dorfbevölkerung für Hungerlöhne als Hilfskräfte beschäftigt und die
Ernteüberschüsse nach Rom verkauft. Hätte er nach der Superernte nicht
höhere Löhne und Gewinnbeteiligung zahlen können statt größere
Scheunen zu bauen, um sich seine Rente zu sichern?
Was Jesus da Habgier schilt, nennen wir heute Wirtschaftswachstum.
Wir brauchen das um die Wirtschaft in Gang zu halten: Da produziert
jemand Spielzeugfiguren, kann eine Menge davon verkaufen und muss
seinen Betrieb vergrößern. Das gibt mehr Arbeitsplätze. Die Leute
verdienen mehr Geld und können jetzt endlich auch die Spielzeugfiguren
kaufen, die sie herstellen. Ein Anreiz, noch mehr zu produzieren, noch
mehr zu verdienen, noch mehr zu kaufen. Und angenehmer Nebeneffekt:
Die Rentenkassen werden gefüllt und für die Riester-Rente reicht's
auch noch. Cool! Bloß: Wozu brauchen wir so viele Spielzeugfiguren?
Ist das der Sinn des Lebens? Und was geschieht, wenn der Markt
übersättigt ist, die Kinderzimmer überfüllt und die Mülltonnen auch?
Lieber Herr Jesus, vielleicht hattest du ja doch nicht so Unrecht
mit deiner Warnung vor Habgier. Gibt's keine anderen
Wirtschaftsmodelle als immer mehr haben wollen?
Das ist nicht der einzige subversive Spruch, den Jesus von sich
gegeben hat. Wie wär's etwa damit: "NICHT HERRSCHEN, SONDERN DIENEN"?
Wie soll man da noch Politik machen und Wahlen gewinnen? Machtgier ist
die Triebkraft der Politik. Wer bloß dienen und nicht auch regieren
will, hat kaum eine Chance gewählt zu werden. Wer nicht bereit ist,
sich auf Kosten anderer durchzusetzen und die Erfolgsleiter
hochzuklettern, kommt zu nichts, im Beruf nicht, in der Wirtschaft
nicht und auch nicht in der Politik.
Lieber Herr Jesus, du hast doch selbst erlebt, wie das ist, wenn
man Einfluss will ohne Machtansprüche zu stellen. Da wird man
untergebuttert oder gekreuzigt. Und doch ist Verzicht auf Macht die
einzige Alternative für eine menschenwürdige Welt.
Und wie wär's damit: "SCHLAG NICHT ZURÜCK, SONDERN HALT DEN ANDEREN
BACKEN AUCH HIN"? Nicht immer geht das gut. Sollen wir tatenlos
zusehen, wie die Terroristen Unschuldige in die Luft jagen? Sollen wir
tatenlos dulden, dass Schurkenstaaten die eigene Bevölkerung
misshandeln? Obwohl: Warum engagieren wir uns im ölreichen Orient und
nicht auch im armen Afrika? Sind das vielleicht bloß
Wirtschaftsunteressen und nicht etwa edler Sinn für Gerechtigkeit?
Lieber Herr Jesus, du hast nicht nur gepredigt, sondern deine
eigenen Backen hingehalten, deinen eigenen Körper. Können wir bei dir
was lernen?
Mit freundlichen Grüßen
Heinrich Tischner |