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Liebe Leserin, lieber Leser,
es
gibt jede Menge Scheinheilige. Das sind Menschen, die haben einen
Heiligenschein. Zugegeben, ich habe noch niemand gesehen, der eine
leuchtende runde Neonröhre überm Kopf schweben hat oder einen
Scheinwerfer in der Frisur versteckt. Solche Heiligenscheine sieht man
nur auf alten Bildern, damit man erkennen kann, dass das ein Heiliger
ist: Er hat einen Schein am Kopf, also ein Heiliger, und einen
Schlüssel in der Hand, also Sankt Peter.
Nein, ich meine mit dem Heiligenschein ein Papier, auf dem
bescheinigt wird, dass man heilig ist: Taufschein,
Konfirmationsurkunde, Bescheinigung über die kirchliche Trauung, das
"richtige" Gesangbuch, vielleicht sogar ein CVJM-Ausweis, ein Kreuz um
den Hals oder einen Fisch am Auto. Man soll doch sehen und sich
ausweisen können, dass man Christ ist.
Was uns als Christen ausweist, ist aber nicht unser Schein, sondern
unser Sein, unsere ganze Existenz, unser Leben, unser Verhalten. Von
den ersten Christen soll man gesagt haben: "Seht, wie sie einander
lieb haben." Das war ihr Heiligenschein. Bei ihnen hat "die Chemie
gestimmt". So stelle ich mir heile, integre, ganze Menschen vor, bei
dem alles zusammenpasst: Sie handeln, wie sie glauben und machen nicht
bloß große Worte. Sie glauben und handeln aber auch nicht bloß
wortlos, sondern können auch in Worte fassen, was sie bewegt. Und sie
handeln und reden nicht nur, sondern stehen mit ihrer ganzen Existenz
dahinter.
Paulus ermahnt uns in dem Monatsspruch aber nicht, noch
vollkommener, noch in sich stimmiger, noch heiliger zu werden. Sondern
was er da formuliert ist ein Gebet, ja ein Segen: Gott soll uns
heiligen, heilig machen.
Was ist das eigentlich, heilig? Heilig ist die Eigenschaft Gottes.
Es gibt im Hebräischen kein Wort für 'göttlich'; wozu die Griechen
"göttlich" sagten, das nannten die Hebräer "heilig". So kam dieser
Begriff ins neue Testament und in den christlichen Sprachgebrauch:
Gott gibt uns etwas von seiner Heiligkeit ab. Wir werden göttlich,
bekommen Anteil an Gott. Diesen Anteil können wir uns nicht verdienen,
sondern er schenkt ihn uns. Ein unbefristetes Schnäppchen, liegt
abrufbereit und braucht bloß in Anspruch genommen werden.
Soviel zum biblischen Ausdruck. Unser deutsches Wort ist aber nicht
von "Gott", sondern von "Heil" und "heil" abgeleitet. "Heil" im Sinne
von 'Wohlergehen, innen und außen, rundherum" und "heil" im Sinne von
'ganz, nicht kaputt', und 'umfassend, nicht nur teilweise'. "Heilig"
ist also heilhaltig, Heil enthaltend.
Gottes Wesen ist Heil, oder wie's Paulus formuliert, "Frieden". Im
Frieden ist die Welt in Ordnung, keine zerstörten Häuser, keine
zerfetzten Menschen, keine Angst vor Angriffen, sondern ungestörtes
Leben, funktionierende Ordnung, Glück und Zufriedenheit. So ist Gott,
so will er uns haben und so will er die Welt haben: göttlich und
heilhaltig. So erfahrbar und spürbar, wie der Leuchtkringel über dem
heiligen Petrus auf den Bildern sichtbar ist.
Den Heiligkeitssegen des Paulus spreche ich auch dir zu, liebe
Leserin, lieber Leser: "Der Gott des Friedens heilige dich, gebe dir
Anteil an seinem Heil, seinem Frieden und seiner Liebe und mache dich
heil. Er erhalte dich in diesem Heil, Liebe und Frieden. Er bewahre
dich vor dem Bösen, bis unser Herr Christus wiederkommt"
Mit freundlichen Grüßen
Heinrich Tischner |