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Liebe Leserin, lieber Leser,
gegen Ende des Unterrichts ließ ich meine Konfirmanden regelmäßig
einen Aufsatz schreiben zum Thema: "Was habe ich davon, dass ich an
Gott glaube?" Wie zu erwarten, kamen sehr unterschiedliche Antworten.
Manche wussten mit der Frage nichts anzufangen und freuten sich
darauf, dass sie kirchlich getraut und beerdigt würden, andere
brachten sehr tiefsinnige Gedanken und eigene Glaubenserfahrungen.
Im letzten Buch des Alten Testaments machen sich die Frommen
ähnliche Gedanken und fragen den Propheten Maleachi: "Es ist umsonst,
dass man Gott dient; und was nützt es, dass wir sein Gebot halten und
in Buße einhergehen vor Jahwe Zebaoth?" Wir spüren also hier nach
tausendjähriger Glaubensgeschichte Müdigkeit und Resignation. Resümee:
Glauben rentiert sich nicht.
Das erkennen die Gläubigen am Vergleich mit den Ungläubigen: Die
kennen nur sich selbst und was ihrem Vorteil dient. "Von wegen
Rücksicht nehmen, wo kommen wir da hin? Immer nur die Ellenbogen
gebrauch und sich nach vorn boxen. Freie Bahn dem Tüchtigen! Wer
nichts taugt, ist selbst dran schuld, wenn er untergebuttert wird."
Der Erfolg scheint den Rücksichtslosen Recht zu geben. Und die
Gewissenhaften, die nach dem Willen Gottes fragen, sind irritiert:
Hieß es nicht: "Der Gerechte grünt wie ein Baum, aber die Gottlosen
sind wie Spreu, die der Wind verstreut?"
Was hat der Prophet dazu zu sagen? Wir spüren seiner Antwort eine
gewisse Hilflosigkeit ab: "Ihr werdet am Ende doch sehen, was für ein
Unterschied ist zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen." Denn beim
Jüngsten Gericht werden die Gottlosen brennen. "Euch aber, die ihr
meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und
Heilung unter ihren Flügeln."
Ja gewiss, die Guten kommen in den Himmel und die Bösen in die
Hölle. Ist das alles, was uns dazu einfällt? Mir schwebt da eine
andere Art von Gericht vor Augen: Unsere Väter haben von 60 Jahren den
Zusammenbruch der Diktatur und die Katastrophe des Kriegsendes als
Gericht Gottes verstanden für das ungeheure Unrecht, das unser Volk
auf sich geladen hatte. Das Gericht traf unser Volk als Ganzes, da
gab's keine Unterschiede zwischen Guten und Bösen, beide sind in
Stalingrad gefallen, beide sind in den zerbombten Städten verbrannt,
beide wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Und beide haben überlebt und
hatten die Chance für einen Neuanfang. Empörend für unser
Gerechtigkeitsempfinden: Die Widerstandskämpfer wurden aufgeknüpft,
mancher ehemalige Nazi hat nach dem Krieg Karriere gemacht.
Wo bleibt da die "Sonne der Gerechtigkeit"? Wir sind eingebunden in
eine Schicksalsgemeinschaft aller Menschen und können uns nicht
herausnehmen. Wir gestalten unser gemeinsames Schicksal selbst. Die
Bösen spielen ihr Spiel und richten Unheil an. Wir wollen zu den Guten
gehören. Sollen wir resignieren wie die Gläubigen zur Zeit Maleachis?
Nein, auch wir versuchen unser Spiel zu spielen. Pardon, ich hab mich
falsch ausgedrückt: Wir versuchen Gottes Spiel zu spielen und
Gerechtigkeit zu üben, dann scheint uns garantiert die "Sonne der
Gerechtigkeit", nicht nur uns, sondern allen Menschen.
Kriegsende und Nachkriegszeit leben nur noch in den Köpfen von uns
Alten. Aber das Neue, das damals entstanden ist, wirkt fort bis in
unsre heutige Zeit. Ein paar besonnene Menschen, darunter auch
überzeugte Christen, haben nach dem Krieg eine neue Ordnung
geschaffen, die uns jetzt 60 Jahre Frieden und Rechtstaatlichkeit
geschenkt haben. Ich erkenne darin dankbar ein Gottesgeschenk. Gottes
"Sonne der Gerechtigkeit" scheint über Gute und Böse, nicht erst am
Jüngsten Tag, sondern schon heute. Das einzige, was wir tun können:
das leben, was Gott uns schon längst geschenkt hat: Frieden, Heil und
Gerechtigkeit.
Mit freundlichen Grüßen
H. Tischner |