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Oikocredit ist eine Genossenschaft mit Sitz in den Niederlanden,
die ursprünglich auf eine Initiative des Ökumenischen Rats der Kirchen
zurückgeht. Sie feiert in diesem Jahr ihren 30. Geburtstag. Bei
Oikocredit kann man Anteile kaufen. (Man erhält dafür eine geringe
Dividende und kann bei Bedarf die Anteile wieder zum ursprünglichen
Preis verkaufen.) Das eingezahlte Geld verleiht die Genossenschaft zu
relativ günstigen Zinsen an Genossenschaften oder Kleinunternehmer in
der Zweiten und Dritten Welt. Motto von Oikocredit ist "Investieren in
Gerechtigkeit" und die Zielsetzung lautet zusammengefasst:
"Entwicklungsförderung durch Kredit". Das für diesen Zweck zur
Verfügung stehende Kapital liegt zur Zeit bei etwa 200 Millionen EURO.
Daran sind weltweit 35 Förderkreise (davon 11 in Deutschland) mit mehr
als 24 000 Einzelpersonen, Gemeinden, Kirchen und andere Institutionen
beteiligt, u. a. auch der CVJM
Reinheim. Viele von uns können sich kaum vorstellen, wie schwer es
für arme Menschen ist, sich Geld zu leihen. Aber wer in Deutschland
arbeitslos wird, kann sehr schnell solche Erfahrungen machen. Noch
viel schwieriger ist es oft in Entwicklungsländern. Man braucht aber
manchmal dringend für eine bestimmte Zeit geliehenes Geld, um eine
Notlage zu überwinden oder ein Ziel zu erreichen (z. B. ein Auto zu
kaufen, das beruflich erforderlich ist). Kürzlich las ich ein
Beispiel von den Philippinen: Auf dem Markt gilt das 5/6-Prinzip. Eine
Markthändlerin, die sich bei einem privaten Geldverleiher für ihren
Betrieb 500 Pesos leiht, muss nach einem Monat 600 Pesos
zurückbezahlen. Der Zins beträgt also 20 % im Monat, das bedeutet über
240% im Jahr. Wir bezahlen in Deutschland bei einer Bank etwa 15 % im
Jahr. Aber welche "normale" Bank würde einer Markthändlerin auf den
Philippinen ein Darlehen gewähren? Immer größere Abhängigkeit und
wachsende Armut sind oft das Ergebnis. Oikocredit vergibt über
lokale Genossenschaften z.B. Mikrokredite von 50,- EURO aufwärts. 50,-
EURO sind in Deutschland nicht viel. Sie reichen in manchen
Gaststätten gerade für ein Mittagessen für zwei Personen. In Ländern
der Dritten Welt ist es oft ein ganzer Monatslohn. Unser CVJM gehört
zum Förderkreis Hessen-Pfalz, der seinen Sitz in Kassel (Querallee 50)
hat. Der Förderkreis hat über 850 Mitglieder, dazu zählen 4
katholische Bistümer, 2 evangelische Kirchen und über 250
Kirchenkreise und -gemeinden sowie 35 Gruppen und 570 Einzelpersonen.
Zusammen haben sie über 4 Millionen EURO eingezahlt. Die diesjährige
Mitgliederversammlung fand am23. April im Gemeindehaus der kath. St.
Hedwigsgemeinde in Oberursel am Taunus statt. Es nahmen ca. 80
Personen teil. Neben der eigentlichen Mitgliederversammlung standen
zwei Vorträge im Mittelpunkt: Herr Erich Stather, Staatssekretär im
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(BMZ), sprach über "Finanzsektorförderung und allgemeine Leitlinien
der deutschen Entwicklungspolitik" und Herr Karsten Löffler vom
Vorstand des Förderkreises berichtete unter dem Thema "Mikrokredite
vor Ort" über eine Informationsreise zu Projekten in Peru. Der
Vortrag von Herrn Stather setzte umfangreiches Wirtschaftswissen
voraus. Deshalb davon nur einige Kernsätze, die ich glaube verstanden
zu haben. Dagegen war die sich anschließende Diskussion für mich
wesentlich informativer. Am Anfang stand ein guter Merksatz: Mit
unserem Einsatz verändern wir nicht die Welt, aber die Welt unserer
Partner. - Das Jahr 2005 soll laut UNO das internationale Jahr des
Kleinkredits sein. Kleinkredite über verlässliche
Nichtregierungsorganisationen (NGO) sind in manchen
Entwicklungsländern besser zur Hilfe für Bedürftige geeignet als
Regierungspartnerschaften, denn wer weiß, ob das Geld weitergeleitet
wird. Die Erfahrung zeigt, dass es von manchen Regierungen auch in die
Rüstung gesteckt wurde. - Hilfe ist nur möglich, wenn die
Finanzsysteme verlässlich sind, und so ist es ein Ziel der
Armutsbekämpfung unseres BMZ, verlässliche Finanzsysteme zu
entwickeln. - Wir sind übrigens eines der wenigen Länder in der EU,
die ein eigenes Entwicklungshilfeministerium (BMZ) haben (Hoffentlich
bleibt das auch so, denn das BMZ denkt wesentlich langfristiger als
andere!). Die Zielsetzung dieses Ministeriums kann sich durchaus von
der anderer Ministerien (Außenpolitik, Finanzen, Wirtschaft)
unterscheiden. Ziel der UNO ist es, den Anteil der Armen in der Welt
bis 2015 auf die Hälfte zu senken. Ziel der EU ist es, die
Entwicklungshilfe bis 2014 auf 0,7 % des Bruttosozialproduktes zu
steigern. Zur Zeit liegen wir in Deutschland nur bei 0,28 %. Das sind
6 Milliarden EURO/Jahr, davon wird aber nur ein Teil vom BMZ vergeben,
der Rest von anderen Ministerien (z.B. vom Verbraucherministerium).
Unser Verteidigungshaushalt liegt dagegen bei 27 Milliarden EURO.
Ethische Aspekte gewinnen bei Kapitalanlagen an Bedeutung. 85 % aller
Anleger möchten darüber informiert werden. Oikocredit hat in
Deutschland 11 000 Mitglieder und ist einer der größten ethischen
Fonds in Europa. Auch die Weltbank unterstützt Mikrofinanzsysteme.
Deutschland ist der viertgrößte Beitragszahler der Weltbank. Der oft
beklagte Umfang der Privatisierung als Voraussetzung für die Förderung
eines Staates durch die Weltbank ist vermindert worden, beim
Internationalen Währungsfond (IWF) hat sich darin allerdings bisher
weniger verändert. Wir können – so der Staatssekretär - mit
Fördermaßnahmen nicht warten, bis von uns gewünschte demokratische
Regierungen eingesetzt sind. Meist handelt es sich um zentralistisch
regierte Staaten, trotzdem braucht die Bevölkerung jetzt Hilfe, z.B.
bei Wasserversorgung und Abwasserentsorgug in Albanien. Stark
kritisiert wurden die Agrarsubventionen der EU: Werden deutsche
Produkte mit Hilfe von EU-Subventionen in Entwicklungsländer
exportiert, so behindern sie die Entwicklung der dortigen
Landwirtschaft enorm. Die Besteuerung von Flugbenzin in der EU (in
meinen Augen schon lange überfällig) wird kommen. Wann kommt eine
Waffenexportsteuer? Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass beim BMZ
mit hohem Sachverstand und gutem Überblick eine vernünftige Politik
gemacht wird zum Nutzen wirtschaftlich benachteiligter Menschen in
Entwicklungsländern und damit langfristig auch zur Friedenssicherung
und zu unserem Nutzen. Ich persönlich glaube allerdings, dass
Entwicklungsgelder am besten angelegt sind, wenn sie durch christliche
Gruppen und Organisationen an Christen gegeben werden, weil der
christliche Glaube Verantwortungsbewusstsein und Mitmenschlichkeit
wachsen lässt. Herr Löffler berichtete über seine Reise zu
Oikocredit-Projekten in Peru. In Peru leben etwa 30 Millionen
Menschen. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt. 55 % der Einwohner
haben weniger als 30 EURO/Monat (!) zum Leben. In Peru sind 75 % der
Bevölkerung in 3,1 Millionen Kleinstunternehmen beschäftigt. Die (Groß-)Familie
ist eine Einkommensgemeinschaft. Wenn ein Familienmitglied verdient,
können alle davon profitieren. Die Mikrokredit-Verträge werden aber
überwiegend von bzw. mit Frauen abgeschlossen. Herr Löffler erzählte
von einer Genossenschaftsbank mit 20-30 Mitgliedern, von denen laut
Satzung nur drei Männer sein dürfen. Frauen sind dort offenbar
wesentlich zuverlässiger und verantwortungsbewusster als Männer. Die
Bank vergibt Kredite zwischen 40 und 1000 US-$. Ein Teil der Kredite
muss aber gespart werden. Es herrschen strenge Regeln: Wer nicht
zahlt, dem werden Sparbuch und evtl. auch das Eigentum gepfändet. Er
kann es evtl. später wieder einlösen. Wer zu den Sitzungen zu spät
kommt oder gar fehlt, muss eine Geldstrafe zahlen. Das dadurch
eingehende Geld wird den Zuverlässigen ausbezahlt. Die Fälle, in denen
ein Kredit nicht zurückgezahlt wird, sind sehr selten. Sie betragen
nur 2,5 – 3 %, das ist weniger als bei normalen Geschäftsbanken,
obwohl die Genossenschaftsbanken oft auch noch Kredite an Personen
vergeben, die für Geschäftsbanken nicht kreditwürdig (weil zu arm oder
unzuverlässig) sind. Die eigentliche Mitgliederversammlung des
Fördervereins verlief im üblichen Rahmen mit Vorstandsbericht,
Finanzbericht, Entlastung, Haushalt 2005, Vorstandswahlen usw. ab, wie
wir es von unseren Jahreshauptversammlungen her kennen. Es gab keine
Überraschungen. Der Finanzbericht kam zu dem erfreulichen Ergebnis,
dass trotz höherer Rückkäufe der Anteilsbestand des Förderkreises im
Jahre 2004 um fast 441 000 EURO gewachsen ist. Das ist das bisher
beste Ergebnis in der Geschichte des Förderkreises. 47 neue Mitglieder
wurden gewonnen, 15 schieden aus. Im Durchschnitt steigen heute neue
Mitglieder mit höheren Summen ein als früher. Kirchengemeinden halten
im Durchschnitt nur wenige Anteile. Kirchen haben das Problem, dass
sie auf höhere Zinsen bei Ihren Rücklagen angewiesen sind, da diese
Zinsen im Haushalt fest eingeplant sind. Deshalb überlegt Oikocredit,
ob nicht für hohe Einlagen Sonderbedingungen eingeräumt werden können.
Überlegungen, die von einigen Mitgliedern scharf kritisiert wurden.
Die gesamte Versammlung verlief aber in einem freundlich-verbindlichen
Klima. Auch die Vorstandswahlen (der erste Vorsitzende trat aus
gesundheitlichen Gründen vorzeitig zurück) verliefen reibungslos. Alle
kennen das Ziel, nur über den besten Weg gehen manchmal die Meinungen
auseinander. Wer sein Geld ethisch vertretbar als Hilfe zur
Armutsbekämpfung anlegen möchte, hat bei Oikocredit eine gute
Möglichkeit. Ein kleines Restrisiko muss dabei freilich in Kauf
genommen werden. G.A. Langenbruch |