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Liebe Leserin, lieber Leser,
Gott werden wir nicht los. Jona hat versucht, ihn abzuschütteln,
weil er nicht tun wollte, was Gott von ihm erwartete. Tut so was ein
anständiger Mensch? Mal ehrlich: Gibt es das nicht auch noch heute,
dass wir versuchen, Komplikationen aus dem Weg zu gehen? Wie oft
verweigern wir uns dringenden Aufgaben: "Kein Bock, soll jemand
anderes sich drum kümmern."
Manchmal gehört es ja zum guten Ton, dass wir uns nicht nach einer
Aufgabe drängen, sondern so tun, als müssten wir uns erst
breitschlagen lassen. Von einigen Berühmtheiten der Vergangenheit wird
erzählt, dass sie sich davor drücken wollten, ein Amt zu übernehmen.
Als Saul zum König gewählt wurde, hatte er sich versteckt und musste
gesucht werden. Auch David war nicht da, als er gesalbt werden sollte.
Der heilige Martin soll sich in einem Gänsestall verkrochen haben, als
er zum Bischof gewählt wurde. Und Jona hat versucht, sich nach Spanien
zu verdrücken. Aber Gott hat ihn gekriegt, hinten rum gehoben und nach
Ninive geschickt, wo er ihn haben wollte.
Gott werden wir nicht los. Das weiß auch der Beter des 139. Psalms:
"Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir."
Luther hat das als positiv empfunden und positiv ausgedrückt. Anders
sah es der Jude Martin Buber, der übersetzt: " Hinten, vorn engst du
mich ein, legst auf mich deine Faust." Man kann sich in Gott geborgen
fühlen wie Luther, aber auch von ihm bedrängt wie Jona. Gott engt uns
manchmal ein, beschneidet unsre Möglichkeiten, drängt uns in eine
bestimmte Richtung. Können wir uns dagegen wehren? Jona hat es
erfolglos versucht. Besser statt erst mal Nein zu sagen, ist ein
Gespür dafür zu bekommen, was Gott von uns erwartet, mit seinem Willen
eins werden und uns drein fügen.
Ähnlich ist es dem Josua ergangen: Er, Mitarbeiter von Mose, soll
nach dem Tod seines Chefs das schwere Amt der Nachfolge übernehmen.
Hoffentlich hat er sich nicht danach gedrängt und heimlich drauf
gelauert, dass der Alte endlich abtritt und Platz macht für den Jungen
– soll ja ab und zu vorkommen. In der Bibel steht nichts davon,
sondern er bekam von Gott den Auftrag und hat ihn übernommen. Von
Gott? Kurz vorher (5. Mose 31,23) steht doch, dass Mose persönlich den
Josua als Nachfolger bestimmt hat. Der Alte hat's so verfügt, darum
ist es Gottes Willen – kann das sein? Ich weiß aus eigener Erfahrung,
dass Menschen manchmal die Stimme Gottes sein können: Wenn mir von
selbst eine Idee kommt und jemand anderes kommt unabhängig davon mit
demselben Vorschlag, dann soll es ja wohl so sein.
Wie oft habe ich diese Worte gehört: "Ich lasse dich nicht fallen
und verlasse dich nicht… Sei getrost und unverzagt, denn Gott ist mir
dir in allem, was du tun wirst". Worte, gesprochen bei meiner
Ordination und bei vielen Amtseinführungen, bei Beauftragung von
Mitarbeitern und anderen Gelegenheiten: Hab keine Angst, eine Aufgabe
anzunehmen. Wir brauchen dich. Und wem Gott gibt ein Amt, dem gibt er
auch Verstand.
Gebraucht werden, eine Aufgabe haben, ist gut und wohl auch Gottes
Willen. Unser Problem heute ist aber, dass es einerseits nicht genug
Arbeit für alle gibt. Hat Gott das auch gewollt, dass die einen sich
kaputt arbeiten müssen und die anderen nichts tun dürfen? Es ist so
leicht, etwas als "Gottes Willen" zu deklarieren. Vielleicht will Gott
ja was ganz Anderes?
Und andererseits gibt es so viel zu tun, freiwillig und
ehrenamtlich. Könnte da nicht auch eine Aufgabe für dich sein?
Für das neue Jahr wünsche ich dir Gottes Segen.
Mit freundlichen Grüßen
H. Tischner |