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Liebe Leserin, lieber Leser,
ein Bekannter sagte mal zu mir: "Ich rede, wie ich's grad brauche."
Man durfte seine Worte nicht auf die Goldwaage legen. In den letzten
Jahren hatte ich viele Diskussionen mit Menschen, die mir die
absonderlichsten Theorien darlegten. Einer hat sich in den Kopf
gesetzt, das Wort "Heimat" komme von griechisch "haimatomon", das
bedeuten soll 'der Ort, an dem eine Frau im Altertum ihre
Monatsblutung hatte'. Ich hab nachgeguckt: 1. "Heimat" kommt von
"Heim", 2. Das griechische Wort gab's im Altertum nicht. 3. Es wurde
in der Neuzeit als medizinischer Fachausdruck neu gebildet ("Hämatom")
und bedeutet 'Bluterguss'. Also alles falsch, was er sich gedacht
hatte. "Nein", schrieb er, "es ist richtig, wir gehen nur von
verschiedenen Voraussetzungen aus." Natürlich kann man von
verschiedenen Ausgangspositionen zu unterschiedlichen Ergebnissen
kommen. Es geht mir hier nicht um die Frage, wo das Wort "Heimat"
herkommt, sondern um die Wahrheit. Ich glaube, dass es eine objektive
Wahrheit gibt. Sie ist oft schwer herauszufinden oder uns ganz
verborgen. Oft irren wir uns, haben nicht die nötigen Kenntnisse,
gehen von falschen Voraussetzungen aus oder begnügen uns mit
voreiligen Schlussfolgerungen. Da entsteht doch leicht der Eindruck,
dass es eigentlich egal ist, wie wir eine Sache erklären, Hauptsache,
wir treten selbstbewusst auf und tun, als ob wir von etwas überzeugt
wären. In Sachen Religion haben wir uns schon lange daran gewöhnt,
dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Die einen glauben, dass die
Seele nach dem Tod weiterlebt, andere nicht, und wieder andere hoffen,
dass sie nach dem Tod in einem neuen Körper wiedergeboren werden. Man
sagt: "Wie das wirklich ist, können wir nicht wissen, also ist's egal,
wie wir's uns vorstellen. Hauptsache, man glaubt daran." Oder die
aktuelle Frage: War Jesus mit der Magdalena verheiratet? In der Bibel
steht nichts darüber, also kann man "von verschiedenen Voraussetzungen
ausgehen" und unterschiedliche Meinungen vertreten. Das wäre ja
eigentlich auch egal, wenn man damit nicht die herkömmliche
Überzeugung angreifen könnte, dass Jesus überhaupt nicht verheiratet
war. Da steht also scheinbar gesunder Menschenverstand gegen
"hirnrissige verstaubte Dogmen" und schon entsteht aus der Suche nach
der Wahrheit ein Streit um Standpunkte, Wichtigtuerei und
Rechthaberei. "Ich rede, wie ich's grad brauche und kümmere mich nicht
um mein dummes Geschwätz von gestern." Ich glaube aber, dass es eine
objektive Wahrheit gibt. Der historische Jesus war entweder
verheiratet oder er war nicht verheiratet. Eigentlich müssten wir das
herausfinden können. Und wenn wir es nicht herauskriegen, ist das
trotzdem keine Frage der Beliebigkeit, dann müssen wir ehrlich sagen:
"Wir wissen es nicht." Nicht ich behaupte, dass man die Wahrheit
erkennen kann, sondern Jesus. Er meint nicht solche Denksportaufgaben,
über die wir uns heute die Köpfe heiß reden. Seine Wahrheit ist eine
andere: Wenn wir uns an das halten, was er gesagt hat, erkennen wir
die Wahrheit. Die Wahrheit, das sind nicht irgendwelche Richtigkeiten
oder Fakten, sondern Gott ist die Wahrheit. Er allein kann unserm
Leben einen Sinn und einen Halt geben. Er allein weiß, woher das Wort
"Heimat" kommt, und ob Jesus verheiratet war, und wenn ja, mit wem. Er
hat im Himmel eine Datenbank, in der alles gespeichert ist. Ich
würde doch zu gerne in dieser Datei stöbern. Wenn ich daheim bin, im
Himmel, ist das sicher möglich. Wahrscheinlich aber ist dann alles
nicht mehr so wichtig. Wenn ich Gott "von Angesicht zu Angesicht
schaue", werden mir alle Fragen egal sein. "Wenn ich nur dich habe,
frage ich nicht nach Himmel und Erde." (Psalm 73,25) Mit
freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |