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Liebe Leserin, lieber Leser,
endlich haben wir wieder schönes Wetter nach einem verregneten
August. Vor einem Monat dachten wir vielleicht noch anders: "War auch
Zeit, dass es mal wieder geregnet hat nach dem heißen und trocknen
Juli." Das Wetter ist ein unerschöpflicher Gesprächsstoff. Können wir
dafür auch dankbar sein? Das Erntedankfest gibt uns Anlass, darüber
nachzudenken. Wir machen einen Unterschied zwischen "dankbar sein"
und "danken". Dankbar sein ist ein Zustand, vielleicht eine Stimmung
oder ein Gefühl. Wir spüren, dass wir etwas nicht verdient haben,
sondern dass es uns geschenkt wurde. Danken dagegen ist eine
Tätigkeit: Wir bringen einem Wohltäter gegenüber zum Ausdruck, dass
wir uns über das freuen, was er für uns getan hat. Das Gegenteil von
beidem ist undankbar sein. Wir machen uns keine Gedanken darüber und
tun so, als ob nichts gewesen wäre. Wir vergessen nicht nur,
Dankeschön zu sagen (das wäre ja nur eine Formalität), sondern kümmern
uns nicht drum, dass wir gegenüber unserem Wohltäter Verpflichtungen
haben. Nehmen wir den ersehnten Regen und nahmen wir das ebenso
erwünschte Sommerwetter gedankenlos hin? Schimpfen wir vielleicht
sogar drüber: "Ausgerechnet heute…"? Oder freuen wir uns drüber?
Bringen wir unsre Freude in einem "Dankeschön" zum Ausdruck? Es gibt
übrigens von Natur aus kein schlechtes Wetter Regen und Sonne, Kälte
und Wärme, Windstille und Sturm sind notwendige Faktoren im Gefüge der
Schöpfung, ob sie uns passen oder nicht. Wer gibt uns das Recht, z.B.
Sonnenschein schön und Regen schlecht zu nennen? Ein Araber erklärte
mir mal, er freue sich auf den Winter, weil's da regnet. Wer gibt
uns überhaupt das Recht zu beurteilen, was für uns gut oder schlecht
ist? Nicht alles, was weh tut, ist schlecht, und nicht alles, was
angenehm ist, ist gut. Zucker ist süß, aber er schadet den Zähnen und
ist auch sonst ungesund. Geburtswehen sind unangenehm, aber die
Grundlage von allem menschlichen Leben. Wir müssen lernen, von unseren
eigenen, beschränkten Bedürfnissen abzusehen und das gesamte Gefüge
der Schöpfung in den Blick zu kriegen. Wir müssen lernen, für alles
dankbar zu sein, auch für das, was uns nicht gefällt. Eduard Mörike
hat das anscheinend verstanden, wenn er betet:
"Herr, schicke, was Du willst,
ein Liebes oder Leides.
Ich bin vergnügt, dass beides
aus Deinen Händen quillt." Mit
freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |