









|
Liebe Leserin, lieber Leser,
mein Kopf und mein Herz sind noch voll von der schönen
Jubiläumsfeier unsres Vereins am 8. Oktober. 25 Jahre CVJM Reinheim,
da können wir dankbar sein, dass wir diesen Tag erleben durften und
nicht vorher schlapp gemacht haben. Dankbar durfte ich auch zur
Kenntnis nehmen, dass inzwischen schon die dritte Generation von
Mitarbeitern aktiv geworden ist, die ehemaligen Freizeitkinder unsrer
ersten Freizeiten. Und mit Erstaunen ist mir beim Anblick der Bilder
bewusst geworden, wie wir selbst, die Mitarbeiter der ersten
Generation, gealtert sind in diesem Vierteljahrhundert.
Zugleich geht mir auch die Losung des kommenden Monats durch den
Kopf: "Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu." Das wirkt sich
einmal so aus, dass die Jungen an die Stelle der Alten treten, ein
ganz natürlicher Vorgang: neue Kräfte und neue Ideen entstehen und
werden sich bewähren. "Gott macht neu die Gestalt der Erde", lesen wir
schon in Psalm 104,30. Er macht neu, indem er an die Stelle der Alten,
Verbrauchten die frische Jugend treten lässt, zunächst rein
biologisch, die Alten gehen dahin, die Jungen wachsen heran.
Die Jungen sind nicht einfach Klone der Alten, identische Kopien,
nur in einem unverbrauchten Körper. Sie sind etwas Neues, noch nie da
Gewesenes, Originale, unvergleichlich. Und doch geben sie etwas
weiter, was vorher schon da war: Das Neue, das ist zunächst nur eine
Neukombination uralter Gene, die die Jungen von den Alten geerbt haben
und an ihre Nachkommen weitergeben werden. Gott erneuert die Welt
durch diese dauernde Neukombination, nicht nur biologisch, sondern
auch geistig und geistlich: Unser Glaube geht zurück bis in die Zeit
der ersten Menschen. Entscheidend Neues begann mit Abraham vor fast
4000, mit Mose von mehr als 3000, Jesus von 2000, Luther vor 500
Jahren und unsere persönlichen Glaubensväter. Das sind die "Gene", die
"Glaubenskeime", die wir an unsre Nachkommen weitergeben und versuchen
rein und unverfälscht zu erhalten. Zugleich ist unser persönlicher
Glaube aber auch geprägt von fruchtbaren Impulsen, die wir immer
wieder von anderen Menschen bekommen, und von ständiger
Auseinandersetzung mit fremden Glaubensinhalten. Wir nehmen Anderes
auf und grenzen uns gegen Fremdes ab. Auch so entsteht Neues.
Neues entsteht aber nicht nur durch ständig neue Kombinationen
vorhandener Elemente. Aus der Biologie wissen wir, dass auch die Gene
sich verändern. Meist kommt dabei nichts Gutes heraus, Krankheiten
oder verkrüppelte Organe. Aber ab und zu ist etwas Brauchbares dabei,
das sich als nützlich erweist, erhalten bleibt und sich schließlich
durchsetzt. So ist es auch im Geistesleben. Wirklich Gutes entsteht
nicht durch kontinuierliche Weiterentwicklung, sondern durch
unvorhersehbare neue Impulse. Das Auto ist eine konsequente
Weiterentwicklung aus dem ersten primitiven Wagen, aber das Rad, das
war vorher noch nie da, das entsprang dem Geistesblitz eines
Steinzeitmenschen.
Gute Geistesblitze sind so selten wie brauchbare Genmutationen. Ich
habe schon viel Schwachsinn gelesen und gehört und selber von mir
gegeben. Wozu machen wir eigentlich so viel unnötiges, sinnloses
Geschwätz, auch in Kirche und CVJM? Wäre es nicht besser, beim
bewährten Alten zu bleiben und nur das zu sagen, was wir mit gutem
Gewissen sagen und verantworten können?
Schon die ersten Christen mussten sich mit diesem Thema
beschäftigen. Wir wissen es von Paulus: In den urchristlichen
Gottesdiensten wurde viel geredet, vielleicht zu viel. Die Gemeinden
hatten ihre liebe Not, wenigstens ein Mindestmaß von
Gottesdienstordnung einzuhalten. Und was empfiehlt Paulus? "Bremst den
Geist nicht, lasst jeden zu Wort kommen, aber glaubt nicht unbesehen
alles, sondern prüfet alles und das Beste behaltet" (1. Brief an die
Thessalonicher 5,19-21). Kreativität, so wissen wir heute, kann nicht
aufkommen, wenn man Maulkörbe verteilt. Wo neue Ideen gebraucht
werden, muss man offen reden dürfen. Aber das Neue ist nicht
automatisch gut, weil es neu ist. Es muss sich bewähren.
Eine Idee, ein Geistesblitz war es vor 25 Jahren, einen CVJM
Reinheim zu gründen. Ob diese Idee gut war – es gab ja auch Bedenken
-, konnten wir damals noch nicht wissen und mussten's ausprobieren.
Jetzt hat sie sich ein Vierteljahrhundert lang bewährt. Wir brauchen
aber immer wieder neue Ideen, neue Geistesblitze, um uns auch in
Zukunft bewähren zu können. Das Bessre ist der Feind des Guten.
Habe ich gesagt "Geistesblitz"? Wo kommt so etwas her? Ich glaube,
da wird in manchen Fällen der Geist Gottes in uns wirksam.
Geistesblitze kann man nicht machen, die werden uns geschenkt. Wir
können nur wie die alte Kirche beten: "Komm, Schöpfer, heiliger Geist,
erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde uns das Feuer deiner
göttlichen Liebe."
Mit freundlichen Grüßen
Heinrich Tischner |