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Es war einmal ein schöner großer Lindenbaum, der stand am Brunnen
vor dem Tore. Man hatte eine Bank um ihn herum aufgestellt. Müde
Wanderer nahmen darauf Platz, verliebte Pärchen saßen abends darauf
und flüsterten einander zärtliche Worte zu. Herzen mit den
Anfangsbuchstaben ihrer Namen schnitten sie in die Rinde "für immer
und ewig". Dann kam der große Sturm und riss die schöne Krone
auseinander. Dicke Äste brachen ab. Der Baum war nicht mehr zu
retten. Mit Axt und Säge machten sich die Dorfbewohner in den
nächsten Tagen an die Arbeit und fällten die Linde. Gestern noch ein
lebendiger Baum, heute Brennholz, morgen Rauch und Asche – das
Schicksal allen Lebens. Schon war man dabei, das Holz in handliche
Stücke zu zersägen, da kam ein Fremder daher, der fragte sich zum
Schultheißen durch, stellte sich vor als Meister Riemenschneider,
Bildhauer, und bot 20 Gulden für die Reste des Baumes. Die Bauern
halfen ihm, das Holz in ein Sägewerk zu bringen. Dort wurde es in
mehrere dicke Bohlen zersägt. Was der arme Baum alles mitmachen
musste! Der Verlust seiner Krone: schmerzlich und traurig zugleich.
Was wird er empfunden haben, als er mit Axt und Säge von seiner
Wurzel abgetrennt wurde? Dann die Qualen im Sägewerk! Am schlimmsten
aber die Tortur, die Meister Riemenschneider den Bohlen antat: Mit
Hammer und Stemmeisen und Schnitzmesser löste er Span und Span aus
dem weichen Holz, maß, prüfte und verglich mit seinem Entwurf und
setzte wieder und wieder das Eisen an – soll denn die Schinderei
kein Ende nehmen? Nach endlosen Monaten schließlich war er fertig.
Aus dem Holz des gefallenen Baumes war ein Kunstwerk geworden, ein
geschnitztes Altarbild mit einer Darstellung von der Einsetzung des
Abendmahls. In einer fränkischen Kirche wurde es aufgestellt und
wird heute noch, Jahrhunderte später, von Kunstexperten bewundert.
Liebe Leserin, lieber Leser, so macht es Gott auch mit uns. Als
rohe Klötze hat er uns erschaffen und in die Welt gestellt,
ungehobelt und ohne Profil. Hat er uns so haben wollen? Sicher
nicht. Denn bald hat er wie Meister Riemenschneider angefangen,
diese rohen Klötze zu bearbeiten. Oder besser gesagt, sie bearbeiten
zu lassen. Durch das Leben. Durch andere Menschen. Span um Span
musste fallen, damit wir dem ähnlich wurden, was Gott sich bei
unsrer Erschaffung gedacht hatte. Wir sind noch nicht, wie wir sein
sollen, aber Tag für Tag können wir dem Entwurf Gottes ähnlicher
werden. Durch Leiden zur Herrlichkeit! Paulus hat das schön
formuliert. Und eines Tages werden wir fertig sein und unserm
Schöpfer zurückgegeben werden. Dann wird er uns in die Hand nehmen
und begutachten: "Schön, mein Lieber, meine Liebe, dass du wieder zu
mir zurückgefunden hast, lass dich mal anschauen, was aus dir
geworden ist: Prima, so habe ich mir das gedacht. Es hat lange
gedauert und war für dich sicher oft sehr schmerzhaft, aber jetzt
habe ich dich genauso, wie ich dich haben wollte. Willkommen
daheim!" Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |