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Liebe Leserin, lieber Leser,
erbitterte Diskussionen werden geführt, ob Gott die Welt
absichtlich erschaffen hat oder ob sie sich zufällig ohne göttliches
Zutun allmählich entwickelt hat. Als Christen sollten wir eigentlich
die erste Meinung vertreten.
Auf der einen Seite hat sich die Naturwissenschaft vor 500 Jahren
vorgenommen, die Welt zu erklären, "als ob es Gott nicht gäbe". Der
Mensch stammt vom Affen ab und unsre Welt entstand durch einen
Urknall. Auf der anderen Seite haben sich streitbare Christen in den
Kopf gesetzt, zu beweisen, dass die Bibel doch Recht hat und Gott
alle Arten von Lebewesen, auch den Menschen erschaffen hat. Bei
diesem Streit geht es eigentlich gar nicht um Gott, sondern um
menschliche Meinungen und wer Recht hat.
Der Psalmvers und Monatsspruch lenkt unsre Gedanken in eine
andere Richtung: Der Beter freut sich über die "Werke des Herrn". In
diesem Psalm geht es nicht um die Natur, sondern um das, was Gott in
der Vergangenheit an Israel getan hat. Andere Psalmen wie 104
preisen Gottes Wirken in der Natur. Ob die Befreiung aus der
Sklaverei in Ägypten oder die Wunder der Natur, beides gehört
zusammen. Wir werden Gottes Wirken nicht dadurch gerecht, dass wir
drüber streiten, sondern dass wir es bewundernd erkennen und
anbetend anerkennen. Lieder bringen das hervorragend zum Ausdruck
wie "Geh aus mein Herz und suche Freud" (Paul Gerhardt 1653,
Gesangbuch 503), "Wenn ich, o Schöpfer deine Macht" (Christian
Fürchtegott Gellert 1757, Gesangbuch 506), "Du großer Gott, wenn ich
die Welt betrachte" (schwedisch, 18er Jahrhundert,
Gemeinschaftslieder 26). Der Glaube erkennt: "Mein Auge sieht, so
weit es blickt, die Wunder deiner Werke." Der Glaube hört, wie "auch
der geringste Wurm" ruft: "Bringt meinem Schöpfer Ehre". Der Glaube
kommt zu dem Schluss: "Erheb ihn ewig, o mein Geist," und "dann
jauchzt mein Herz, dir großer Herrscher zu: Wie groß bist du."
Dazu gehört aber ein geübter Blick des Glaubens. Der eine sieht
in der Natur, was er in seinem täglichen Leben selbst praktiziert:
den Kampf aller gegen alle. Ein andrer betrachtet die Welt unter dem
Gesichtspunkt von Nutzen oder Schaden für sich selbst. Der dritte
blickt wie gebannt auf Fehlentwicklungen, Krankheit und Tod und weiß
nicht, was daran schön sein soll.
Andere freuen sich unbekümmert an der Schönheit der Blumen, einer
Landschaft und des Vogelgesangs, bewundern die perfekte
Zusammenarbeit von Blumen und Bienen oder den sicheren Instinkt, mit
denen die Zugvögel ihr Winterquartier und den Heimweg finden. Und
erkennen darin vielleicht sogar die Weisheit des Schöpfers, der
alles so wunderbar eingerichtet hat, und lassen sich vielleicht
sogar zu einem Loblied hinreißen: "Ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt aus meinem Herzen rinnen".
Nur der Glaube erkennt das verborgene Wirken Gottes in der Natur.
Das gilt auch von Gottes Wirken in der Geschichte und in unserem
eigenen Leben. Die Israeliten erkannten in ihrer Befreiung aus der
Sklaverei ein Wunder Gottes und sangen dafür ein Loblied. Sie
erhofften sich Jahrhunderte später ebenso eine Befreiung aus der
babylonischen Gefangenschaft und erlebten sie. Wir erlebten das
Wunder der Wende und der Wiedervereinigung. Und ich danke Gott
dafür, dass mein gebrochenes Bein so problemlos verheilt ist.
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |