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Liebe Leserin, lieber Leser,
vor langer Zeit las ich eine erfundene Geschichte von einem Mann,
der einigen namhaften Künstlern ins Gewissen redete. Goethe
verzichtete daraufhin, den "Faust" zu schreiben, Beethoven
komponierte nicht die "Neunte" und C. D. Friedrich warf die
angefangenen "Kreidefelsen" auf den Müll. Schade drum!
Ein blödes Buch, aber ich denke immer wieder drüber nach. Wäre es
nicht besser, wir wären weniger fleißig? Wozu brauchen wir all das
Zeug, das heute produziert wird? Es gibt genug funktionsfähige
Rasierapparate, Spargelschäler, Korkenzieher. Wozu muss man immer
wieder neue erfinden? Wir haben genug schöne, passende und ganze
Kleidungsstücke im Schrank. Warum müssen wir schon wieder neue
kaufen? Es gibt Unmassen von Filmen, die wir bestimmt noch nicht
gesehen haben. Und trotzdem werden immer wieder neue gedreht. Es
gibt eine unübersehbare Fülle von Predigten und Andachten. Und
trotzdem tippe ich jeden Monat eine neue, extra für den CVJM
Reinheim.
Wäre unser Leben nicht einfacher und übersichtlicher und hätten
wir nicht mehr Zeit für einander, wenn wir uns mit dem Vorhandenen
begnügen würden und weniger fleißig wären? Auch für unsere Umwelt
wäre es besser: weniger Rohstoff- und Energieverbrauch, weniger
Müll, weniger Treibhausgase.
Jesus hat Luxus und Überfluss kritisiert und gefordert, die Armen
zu unterstützen. Aber ab und zu hat er sich einen bescheidenen Luxus
gegönnt, trug ein teures Hemd, ließ sich zu Festmahlen einladen,
duldete, dass man ihn salbte, und ritt auf einem geliehenen Esel.
Und hat seine Jünger und uns aufgefordert, unsere "Pfunde und
Talente" nutzbringend anzuwenden: Da geht es nicht um Geldsummen wie
im Gleichnis, sondern um Gaben und Fähigkeiten, die Gott uns
anvertraut hat. Es wäre eine Beleidigung des Schöpfers, sie nicht zu
nutzen.
In diesem Sinne ist auch der Monatsspruch aus der Bergpredigt
gemeint: Stellt euer Licht nicht unter einen Eimer ("Scheffel"),
sondern auf den Kerzenständer, damit es hell wird in eurer Wohnung
und in der Welt. "Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten", denn
"ihr seid das Licht der Welt."
Also freie Bahn den Tüchtigen? Zeigt, was ihr könnt und
verwirklicht euch selbst? Das kann Jesus nicht gemeint haben. Denn
in der Bergpredigt kritisiert er die "Theaterspieler", die mit ihren
Frömmigkeitsübungen die Schau abziehen, um sich ins rechte Licht zu
setzen. "Nein", meint Jesus, "stellt nicht euch in den Mittelpunkt.
Die Öffentlichkeit soll nicht euch loben, sondern euern Vater im
Himmel. Seid bescheiden."
Gott erwartet von uns nicht, dass wir uns als Stars aufspielen,
sondern dass wir unser kleines Lichtlein leuchten lassen. Was ist
das für ein Licht? Jesus kann damit nur die Liebe gemeint haben: Ein
Fünkchen Liebe hat jeder, auch der herzloseste Mensch. Wie würde
unsre Welt aussehen, wenn jeder dieses Fünkchen nicht in der Tiefe
seines Herzens vergraben, sondern öffentlich zeigen würde?
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |