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Liebe Leserin, lieber Leser,
ich war einmal zum Jubiläum eines Gesangvereins eingeladen.
Chorbeiträge und Festreden waren da zu hören. Und die Kommentare
meines Nebenmanns, der unentwegt seiner Begleiterin
musikwissenschaftliche Vorträge hielt: "ein romantisches Lied von
Silcher, g-Dur, ¾-Takt". Vor lauter Duren, Molls und Stilrichtungen
konnte ich mich gar nicht auf die Darbietungen konzentrieren.
So etwa fühle ich mich, wenn es darum geht, über diesen Psalmvers
eine Andacht zu schreiben. Kann man eine Aufforderung zum Gotteslob
auslegen? Wäre es nicht sinnvoller, in das Lob mit einzustimmen,
etwa diesen Kanon im Gesangbuch oder ein anderes Lied? Wir haben uns
daheim angewöhnt, vor dem Frühstück ein Lied zu singen. Wäre das
nicht auch was für euch?
In der alten Kirche gab es den schönen Brauch der immerwährenden
Anbetung: Gott rund um die Uhr loben. Ein Einzelner kann das nicht
allein, auch eine Gemeinde ist damit überfordert. Aber auch sie tut
das nicht allein. Irgendwo auf dem Globus erklingt jetzt zu diesem
Zeitpunkt ein Gotteslob. Wo man feste Gebetszeiten pflegt, kann man
sich drauf verlassen: In dem Augenblick, wo wir zu singen aufhören,
fängt eine andere Gruppe an. Das Gotteslob wandert um die Erde.
Damit wird auch das Wirklichkeit, was der Psalm ausdrückt: "vom
Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang", von Ost bis West, rund
um den Globus, und von Morgen bis Abend, rund um die Uhr.
Beim Singen höre ich mich selbst. Da spüre ich, wie nicht nur die
Luft, die ich ausstoße, durch Schallwellen vibriert, sondern wie es
auch in mir zu vibrieren anfängt. Da wird das, was das Lied in Wort
und Melodie aussagt, in meinem Körper lebendig. Da werde ich selber
Musik, Harmonie, Wohlklang.
Als Jugendlicher ist es mir wiederholt so gegangen: Wenn ich
traurig war, fing ich an, ein Lied vor mich hin zu summen, Vers 1
nach der Melodie "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende", Vers 2 "Ich
weiß, woran ich glaube", Vers drei "In dir ist Freude" oder so
ähnlich, aber improvisiert und nicht nach Noten. Innerhalb weniger
Minuten war meine Stimmung wie umgeschlagen, ein Wechsel von Moll
nach Dur.
Im Mittelalter kam die Vorstellung auf, dass die Engel im Himmel
musizieren und die Seligen auf den Wolken sitzen und Halleluja
singen, eine ganze Ewigkeit lang. Muss das langweilig sein, Äonen
lang immer nur dasselbe Wort zu singen, oder? Ich glaube, dass sich
hinter diesen Vorstellungen eine tiefe Weisheit verbirgt: Der Himmel
ist voller Musik und Gottes Wesen ist Harmonie. Wenn wir singen und
musizieren, pflegen wir nicht einfach eine Kunstrichtung, sondern
wir stimmen ein in die himmlische Musik, wir versuchen auf der Erde
laut werden zu lassen, in unserem Körper spürbar werden zu lassen,
was begnadete Komponisten mit ihrem inneren Ohr von den himmlischen
Melodien gehört haben.
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |