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Liebe Leserin, lieber Leser, na denn zu mal frisch von der Leber weg gebetet: "Ich hätte gern
im Urlaub an der See warm und viel Sonne, damit ich braun werde.
Dazu wäre es aber nötig, dass ich mehr verdiene, sonst reicht das
Geld nicht. Und ein neues Auto wäre auch kein Fehler. Und der Speck
muss weg, was sollen sonst die Leute am Strand von mir denken…" Wozu
haben wir den lieben Gott, der kann mir doch alle meine Wünsche
erfüllen, steht doch im Monatsspruch. Oder irre ich mich?
Wenn wir Wünsche haben, kann es hilfreich sein, wenn wir sie auch
laut äußern. Sag mal sieben Wochen jeden Morgen, Mittag und Abend
dreimal laut: "Der Speck muss weg!" Dann glaubst du's am Ende selbst
und tust was dagegen. Auto-Suggestion nennt man das. Man redet sich
etwas so lange ein, bis man es selbst glaubt und will, dann wird was
draus. Ob man das zu sich selbst, der Wand oder Gott sagt, ist egal.
Aber ist das ein Gebet? Ein Gebet ist, wenn wir mit Gottes reden.
Aber doch nicht so: "Lieber Gott, ich will alles, und zwar sofort.
Basta, amen!" Als ob Gott weiter nichts zu tun hätte, als meine
Wünsche zu erfüllen. Was will er denn machen? Ich wünsche mir
schönes Wetter – die Bauern stöhnen über die Trockenheit und beten
um Regen. Ich will mehr Geld – und mein Chef auch, sonst würde er
mir mehr zahlen. K a n n denn Gott alle unsre oft widersprüchlichen
Wünsche erfüllen?
Wir würden Jesus das Wort im Mund herumdrehen, wenn wir das Gebet
zu einem Wunscherfüllungsautomaten machen würden. Im Vaterunser
steht Gott dreimal an erster Stelle und erst an vierter kommt –
nicht das Wetter, nicht das Auto, nicht das Geld, sondern das
tägliche Brot, also das Allernotwendigste. An erster Stelle steht
Gottes Ehre ("Name"), sein Reich und sein Wille. Halte ich Gottes
Ehre, Reich und Willen nicht auf, wenn ich ihn mit meinen
egoistischen Wünschen belästige?
Und: Werde ich glücklich, wenn ich alles kriege, was ich haben
will? Unsre Wünsche sind wie ein Fass ohne Boden. Durchs Wünschen
lernen wir unzufrieden und damit unglücklich sein. Ich bin lieber
wunschlos glücklich und bete lieber darum, dass mein Wille mit
Gottes Willen eins wird. Wenn ich so mit Gott einig bin, dass ich
seine Donnerwetter und Wolkenbrüche akzeptiere, dann wird er auch
mit mir einig sein und es so einrichten, dass die Sonne scheint,
wenn ich sie brauchen kann.
Es kommt nicht darauf an, dass man wirklich wollen muss und nicht
nur wünschen, sondern dass ich mir Gottes Willen zu Eigen mache. Das
ist das Geheimnis des Gebets.
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |