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Liebe Leserin, lieber Leser,
das "Mirjamlied" Exodus 15,1 ist einer
der ältesten Texte der Bibel, entstanden als unmittelbare Reaktion
auf das, was die Israeliten am Schilfmeer erlebt hatten: "Ich will
dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan, Ross und
Mann hat er ins Meer gestürzt." Danach folgt ein längerer Psalm, der
dieses Wunder besingt und Mose zugeschrieben wird. Am Ende
wiederholt Mirjam, Moses Schwester, den Eingangsvers und die Frauen
singen ihn mit Tamburinbegleitung. Das müssen wir uns so vorstellen,
dass sie diesen Text endlos mit Variationen gesungen und dabei
getanzt haben.
Ähnlich empfing man nach siegreicher Schlacht die überlebenden
Krieger. Nur dass hier nicht Israel gekämpft hatte, sondern Gott
allein. Schon vorher hatte Mose angekündigt: "Der Herr wird für euch
streiten und ihr werdet stille sein." (Exodus 14,14)
Was war geschehen? Wir kennen die filmreife Geschichte, wie Mose das
Rote Meer, genauer den Golf von Suez gespalten hat. Aber in der
Erzählung Exodus 14 ist noch eine ältere
Version zu erkennen, wonach die Israeliten am Schilfmeer lagerten
und am Morgen die toten Ägypter am Strand fanden. Das heißt, sie
waren wirklich "stille", verhielten sich passiv und waren am Morgen
überrascht. Über Nacht hat Gott eine drohende Gefahr abgewendet,
ohne dass sie es merkten.
Und wo bleibt das Wunder? Das Wunder war nicht, dass die Ägypter auf
übernatürliche Weise ertranken, sondern zur rechten Zeit. Die
Israeliten fühlten sich bedroht und waren jetzt gerettet. Gerade
noch mal gutgegangen!
Solche Wunder der Rettung haben wir doch schon alle erlebt. Ich
auch. Es fing an zu schneien, als ich mit dem Auto unterwegs war.
Ich fuhr aus einer Ortschaft heraus und beschleunigte
gewohnheitsgemäß. Da merkte ich: Ich war viel zu schnell, trat auf
die Bremse, kam ins Schlingern und rutschte auf ein Verkehrsschild
zu. Genau eine Handbreit davor kam ich zum Stehen. Hab's
nachgemessen. So als ob einer die Hand dazwischen gehalten hätte.
Der Wagen stand quer. Zum Glück war kein Verkehr, ich stieg ein und
fuhr weiter. Das lässt sich wohl alles genau erklären, aber ich habe
es als Wunder erfahren.
Nicht immer merken wir etwas davon, wie wir bewahrt werden. Das
meiste geschieht wahrscheinlich sogar ohne unser Wissen. Wir beten
im Vaterunser "und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns
von dem Bösen": Wie oft habe ich einer Versuchung nicht widerstehen
müssen, weil ich gar nicht in so eine brenzlige Lage gekommen bin,
also nicht "in Versuchung geführt" wurde. Wenn ich darüber
nachdenke, wundere ich mich, wie wenig mir böse Menschen und andere
Widrigkeiten anhaben konnten.
Es ist wahr: "Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für
mich zum Retter geworden."
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |