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Liebe Leserin, lieber Leser, da hat Luther ja ganz schön gemogelt bei seiner Übersetzung.
Wörtlich muss es heißen: "Da, Söhne sind ein Erbe Jahwes, ein Lohn
ist die Frucht des Mutterleibes." Alles klar?
Das ist zwar richtig übersetzt, aber missverständlich und daher
falsch. Der Psalm meint nicht: "1. Söhne gehören zum Nachlass
Gottes. 2. Die eifrigsten Frommen werden mit vielen Kindern
belohnt."
"Erbe", damit ist nicht das gemeint, was die Oma hinterlassen hat
und in gleichen Teilen auf die Enkel aufgeteilt wird, sondern der
Familienbesitz, der von den Vorfahren mühsam aufgebaut und an die
nächste Generation weitergegeben wird, etwa ein Bauernhof oder eine
Firma.
Die Bibel denkt sogar noch weiter: Grund und Boden ist auch kein
Familienbesitz oder Gemeineigentum, sondern er gehört Gott, und der
hatte das Land den einzelnen Familien leihweise zur Verfügung
gestellt. Sie durften es nutzen und mussten es pflegen, aber sie
konnten es nicht veräußern, es sollte auch den folgenden
Generationen zur Verfügung stehen.
Das entspricht etwa dem mittelalterlichen Lehen bei uns: Grund
und Boden gehörten ursprünglich dem König, der gab das Land an seine
Vasallen als Lohn für ihre Dienste weiter. Auch sie konnten es nicht
veräußern oder vererben, sondern wenn der Vasall starb, fiel das
Lehen wieder an die Krone und der Nachfolger musste sich von seinem
Herrn das Land neu zusprechen lassen.
Wenn wir noch bedenken, dass "Lohn" in diesem Fall keinen neuen
Gedanken einführt, sondern ein anderes Wort für "Erbe" ist, dann
können wir auch zusammenfassen: "Kinder sind ein Lehen Gottes."
Das bedeutet:
- Unsre Kinder sind LEHEN. Sie gehören nicht uns, sondern
Gott. Sie sind uns nur eine Zeitlang anvertraut, aber eines
Tages müssen wir sie wieder zurückgeben, entweder wenn sie
vorzeitig sterben oder indem wir sie loslassen, wenn die Zeit
dafür gekommen ist.
- Kinder werden heute oft als Ergebnis von "Familienplanung"
oder als "Betriebsunfälle" angesehen. Wenn sie aber eine GABE
GOTTES sind, dann hat sich Gott etwas dabei gedacht, dass er uns
diese Schätzchen und Nervensägen geschenkt, aufgedrängt,
vorenthalten oder wieder genommen hat. Das Leben unsrer Kinder
und unser eigenes bekommt durch Gottes Absicht einen Sinn, auch
wenn wir ihn nicht immer gleich verstehen.
- Kinder sind ERBE, also materielles Vermögen. Sie kosten erst
mal eine Menge Geld, weshalb manche sie als unrentabel
betrachten und nur das Loch in der Haushaltskasse sehen. Oft ist
uns nicht klar, dass diese Aufwendungen Investitionen für die
Zukunft sind: Weil die Eltern ihre Kinder ernährt hatten, als
diese noch klein waren, müssen die erwachsenen Kinder für ihre
alt gewordenen Eltern sorgen – ob durch Generationenvertrag und
Rente oder wie in alter Zeit durch persönliche Fürsorge.
Jesus und den ersten Christen waren die leiblichen Nachkommen und
der Familienzusammenhalt gar nicht so wichtig. Jesus setzt an die
Stelle der leiblichen Familie die geistliche Familie der Gemeinde
(Markus 3,35) und an die Stelle der
leiblichen Abstammung die Gotteskindschaft (Johannes 1,12+13).
Was würde Jesus dazu sagen, dass heute die Renten nicht mehr
gesichert sind und die Alten länger arbeiten müssen? Und dass die
Jungen vielleicht deshalb keine Arbeit finden und nicht wissen, wie
sie ihre eigene Rente finanzieren können? Ich kenne seine Antwort
nicht, aber er würde wohl kaum sagen: "Alles, wie es früher war, ist
christlich", sondern "Lasst euch was Neues einfallen, Gott hat Wege
für uns, die wir uns kaum vorstellen können. Findet einen Weg, der
in die Zukunft führt."
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |