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Liebe Leserin, lieber Leser,
als meine Eltern starben, gab es nicht viel zu erben. Ich brauchte
das bisschen Kapital auch gar nicht und bin froh dafür, dass ich mir
jetzt wegen Börsenkrach und Kursverlusten keine Gedanken machen
muss. Die Eltern haben nicht Geld gehortet, damit sie was zum
Vererben hatten, sondern sie haben sich damals in der schlechten
Zeit jeden Pfennig vom Mund abgespart, damit wir Kinder eine
ordentliche Ausbildung bekamen. So konnte ich den Lebensunterhalt
für mich und meine Familie selbst erarbeiten. Was hätte ich mit noch
mehr Geld tun sollen? Jetzt zugucken, wie es die Bach runter geht?
In einer intakten Familie funktioniert es ganz gut, dass einer für
den anderen einsteht und die Eltern für die Zukunft der Kinder
investieren. Da ist es leicht, "die Hungrigen ein Herz finden"
lassen und "die Elenden sättigen". Die Heizung und der Kühlschrank
sind für alle da, da braucht keiner zu hungern und zu frieren.
Wir leben aber nicht allein auf der Welt, sondern mit anderen
zusammen in unserm Wohnort, in unserm Land, auf unserm Planeten. Was
geht uns der Bettler in der Fußgängerzone an, was diejenigen, die
ihre Arbeit verlieren oder noch keine gefunden haben? Was scheren
uns die kranken Kinder in China oder die Bewohner der Favelas in Rio
de Janeiro?
Ich gebe zu, ich allein bin machtlos. Ich kann dem Bettler Geld
geben, aber nicht wirksam helfen. Ich kann keinen Arbeitsplatz
anbieten. Und nach China oder Rio fliegen und helfen? Da gehen meine
Reserven ja schon für den Flug drauf! Was Privatinitiative nicht
leisten kann, muss durch organisierte Hilfe geschehen. Die bekommt
ihr Geld aber nicht aus einer hauseigenen Druckerei, sondern da muss
jeder von uns mithelfen und wird zur Kasse gebeten.
Die Bibel versteht "teilen" nicht so, dass wir großzügig einen Teil
unsres Überflusses abgeben, sondern dass die Güter der Welt allen
gehören. So, wie wir in der Familie gemeinsam die Heizung und
Kühlschrank nutzen und wie alle Menschen dieselbe Luft atmen.
Wisst ihr, was ich mit einem Teil meines Geldes gemacht habe? Nicht
in Liechtenstein deponiert, sondern nach Indien und Afrika
transferiert. Als Investition für die Zukunft wildfremder Menschen.
Wenn's allen gut geht, geht's mir auch gut. Wenn ich dagegen auf
Kosten Anderer lebe, wird mir eines Tages eine teure Rechnung
präsentiert.
Was habe ich davon? Weiß nicht, ist mir auch egal. Aber ich habe erfahren dürfen, was ein Sprichwort sagt: "Was du unserm Herrgott
schenkst, kriegst du mit Zinsen wieder zurück."
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |