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Liebe Leserin, lieber Leser,
ein rührendes Bild: Ein Kind fängt an zu weinen und läuft zu seiner
Mutter. Die nimmt es auf den Arm, das Kind schmiegt sich an sie und
weint weiter. Die Mutter streicht ihm über den Kopf und sagt: "Alles
wird wieder gut." Die körperliche Nähe, die zarte Berührung mit der
Hand, die vertraute Stimme bewirken ein kleines Wunder: Die Tränen
versiegen, Traurigkeit und Schmerz weichen, neuer Lebensmut kehrt
zurück.
Manchmal möchte ich mich so an Gott kuscheln und mich von ihm
trösten lassen. Das geht leider nicht, denn Gott hat keinen Körper,
an den ich mich anschmiegen kann, keine Arme, die mich hoch heben,
keine Hände, die mich streichen – eigentlich kann er mich gar nicht
trösten, wie mich meine Mama getröstet hat. Das sind alles nur
Bilder.
"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet" ist ja ein
kühnes Bild, ganz anders als die Vorstellungen, die wir uns von Gott
gemacht haben. Und auch ein ungewöhnliches Bild, weil das biblische
Wort für "Trost" weit über das hinausgeht, was wir uns heute
darunter vorstellen. Konkret geht's in diesem Text um die zerstörte
und entvölkerte Stadt Jerusalem. Sie war von den Babyloniern
zerstört worden, die Überlebenden wurden nach Babylonien deportiert.
Jahrzehnte später kehrten ein paar Familien voller Hoffnung zurück,
um die Ruinen mit neuem Leben zu erfüllen. Was sie dort vorfanden,
war zum Heulen, die Lebensumstände erbärmlich. Da konnte man leicht
den Mut verlieren. In diese Trostlosigkeit hinein spricht der
Prophet im Namen Gottes: "Ich will euch trösten, wie einen seine
Mutter tröstet." Es galt die Menschen aus ihrer Lethargie
aufzurütteln und Zukunftschancen aufzuzeigen. Wie Barack Obama, der
mit den Worten "Wir werden es schaffen" einer ganzen Nation wieder
neue Hoffnung gab.
Am Ende der Bibel stehen ähnliche Worte wie im Monatsspruch: "Gott
wird abwischen alle Tränen von ihren Augen", wie eine tröstende
Mutter. Aber er sagt dann nicht. "Alles wird wieder gut",
sondern: "Alles ist wieder gut." Tränen in den Augen wirken
wie ein beschlagene Brille: Wir sehen damit die Wirklichkeit
verzerrt. Da muss man sich schon selbst die Tränen abputzen oder sie
abwischen lassen, um klar zu sehen: Es gibt eine Perspektive für
unsre Zukunft. Eine zerstörte Stadt kann man wieder aufbauen. Mit
Behinderungen kann man leben. Über Verluste kann man hinwegkommen.
Unser Leben ist nicht das, was Andere, sondern was wir selbst daraus
machen. Gott wischt die Tränen ab, weil er mit uns etwas vorhat. Nur
mit klaren Augen und klarem Kopf können wir erkennen, dass er uns
führen will. Wenn wir uns auf ihn verlassen, gibt er uns Tag für Tag
die Kraft, die wir brauchen.
"Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen", das wird er tun,
wenn wir am Ziel angelangt sind. Klare Augen und einen klaren Kopf
brauchen wir auch, wenn wir auf unsern Weg zurückblicken. Den Sinn
unsres Wegs erkennen wir oft nur aus der Rückschau. Wir mussten
Umwege gehen? Warum hat er uns nicht direkt zum Ziel geführt? Weil
wie im täglichen Leben nicht jede Straße passierbar ist.
Bauarbeiten, Unfall, Überschwemmung, was weiß ich – Umleitungen
haben einen Sinn. Der Weg war alles andere als bequem, steil und
steinig, keine Autobahn, auf der man flitzen kann. Warum hat er's
uns so schwer gemacht? Weil der Weg nach oben steil ist, sonst
wachsen wir nicht über uns selbst hinaus. Aber wenn wir oben sind,
sind alle Mühen vergessen. Wir genießen die gute Luft, die schöne
Aussicht – und den freien Blick in den Himmel.
Lass dir die Tränen abwischen, liebe Leserin, lieber Leser, damit du
Gottes Weg erkennen kannst.
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |