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Liebe Leserin, lieber Leser, weit mehr als die Hälfte aller Deutschen halten sich für
religiös. Sie behaupten das bei einer Umfrage, aber sie lassen sich
wenig davon anmerken. Für uns ist Religion Privatsache. Wie es in
unserm Herzen aussieht geht keinen etwas an.
Das hat verschiedene Gründe:
- Jesus hat uns verboten, unsre Frömmigkeit zur Schau zu
stellen. Fasten und beten sollen wir im stillen Kämmerlein und
nicht in der Öffentlichkeit. Spenden sollen anonym bleiben, so
dass weder die Begünstigten noch die Medien davon erfahren.
- Wir leben seit Jahrhunderten mit Menschen anderen Glaubens
zusammen und haben die Zänkereien früherer Zeiten satt. Wir
haben eine Kultur der Toleranz entwickelt, in der jeder
unangefochten seine angestammte Religion praktizieren darf.
- Aus diesen Gründen hat sich der Staat zum Prinzip gemacht,
weltanschaulich neutral zu sein. Er ergreift für keine Religion
Partei. Deshalb haben Kreuz wie Kopftuch so wenig Platz in
öffentlichen Räumen wie Wahlplakate auf kirchlichen Grundstücken
und Wahlpropaganda auf der Kanzel.
Andererseits brauchen Staat und Gesellschaft Menschen, die
Rückgrat haben und ihre Meinung sagen. Das können sie nur, wenn sie
eine Überzeugung haben, die ihnen ihr Glaube gibt.
Hat Jesus das gemeint, als er die Jünger fragte: "Wo ist euer
Glaube?" Gucken wir doch einfach mal in der Bibel nach, in welchem
Zusammenhang dieser Vers steht: Ein Boot gerät in Seenot, die
Mannschaft wendet sich verzweifelt an Jesus. Er stillt den Sturm und
wirft den Jüngern vor, sie hätten nicht genug geglaubt. Es geht also
nicht darum, dass sie sich zu wenig anmerken lassen, auf wessen
Seite sie stehen, sondern dass ihr Glaube nicht ausgereicht hat, so
dass sie Angst bekamen.
Es geht hier auch nicht um die Überzeugung, dass Gott existiert,
dass Jesus Gottes Sohn ist, geboren von der Jungfrau Maria, und dass
er Wasser in Wein verwandeln kann. Was fehlt, ist das Urvertrauen,
auch im Toben der Elemente in Gottes Hand zu stehen.
Es hat sich ja immer bewährt, in gefährlichen Situationen einen
kühlen Kopf zu bewahren und nicht in Panik zu geraten. Wer in Panik
ist, tut garantiert das Falsche, steuert etwa auf das vermeintlich
sichere Land zu und wird auf eine Klippe geworfen. Oder er läuft
davon, weil der Teppich in Brand geraten ist, statt das Feuer zu
löschen, solange es noch klein ist. Angst ist ein schlechter
Ratgeber und Gottvertrauen hilft uns, ruhig zu bleiben und das
Richtige zu tun.
Ein schönes Beispiel, wie man in Seenot mit Gottvertrauen
vernünftig handeln kann, lesen wir in Apostelgeschichte 27,20-44.
Hier bewahrt Paulus in Seenot einen kühlen Kopf, macht den Menschen
auf dem Schiff Mut und verhindert, dass die Matrosen mit dem Boot
abhauen und dass die Soldaten die Gefangenen töten. So hat seine
Besonnenheit und Entschlossenheit allen das Leben gerettet.
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |