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Liebe Leserin, lieber Leser, die Reichen sind verpflichtet, den Armen zu helfen. Das tun sie
auch, denn sie leihen ihnen Geld. Ist doch nett von ihnen, oder?
Nein, das ist gar nicht nett! Denn wer nichts hat und sich Geld
leihen muss, der kann es nicht zurückzahlen. Noch nicht mal die
geliehene Summe, geschweige denn die Zinsen. Den Armen Geld leihen
war schon im Altertum ein Mittel, noch reicher zu werden: Wenn die
Schuldner nicht zahlen können, nimmt man ihnen das letzte, was sie
haben, zum Beispiel ihr Häuschen und Äckerchen, das sie zum Leben
brauchen.
Heute kommt das natürlich nicht vor, wir sind doch zivilisierte
Menschen, meinst du. Ich habe da leider schon zu viel Schlimmes
erlebt.
Beispiel: Ein Häuslebauer in den 70er-Jahren hatte sich ein
bisschen übernommen mit der Finanzierung. Hinterher hat das Geld zum
Leben nicht mehr gereicht. Und Auto und Fernseher und Urlaub muss
man doch haben. Also hat der gute Mann weiter gepumpt und Hypotheken
auf sein Haus genommen, mehr als das Haus wert war. Auf einmal sagte
der Kreditgeber: "Jetzt ist Schluss!" Zwangsversteigerung. So kam
der Gläubiger an das Haus. Warum hat er sonst Kredit auf Kredit
gewährt, bis das Haus überschuldet war?
Von Schulden spricht auch Paulus im Monatsspruch. Nach Luther:
»Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen
uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.« Der
Schuldschein oder Schulbrief ist die Quittung, die der Schuldner
unterschreiben muss: "Habe von Soundso 10.000 Euro bekommen und
verspreche, sie bis … samt Zinsen zurückzuzahlen."
Hier geht's aber nicht um menschliche Gläubiger, sondern um Gott.
Haben wir bei ihm etwas gepumpt? Unsre Schulden sind nicht
finanzieller Art, sondern wir haben Gott gegenüber Verpflichtungen,
nicht nur in Form der 10 Gebote, sondern der Thora, des ganzen
alttestamentlichen Gesetzes: "Gedenke des Sabbattags, dass du ihn
heiligst. Du sollst zu den drei Hauptfesten nach Jerusalem pilgern
und dort opfern. Du sollst kein Schweinefleisch essen und das
Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen." Und so weiter.
Im Monatsspruch steht's klipp und klar: "Gott hat den Schuldbrief
ausradiert und ans Kreuz geheftet", wie man Bekanntmachungen
öffentlich aushängt: "Kater entlaufen", "privater Flohmarkt". So
hängt ein Zettel am Kreuz: "Die Schuld gegenüber Gott ist durch
Jesus getilgt." Die Forderungen, die er an uns hatte, stehen in der
Bibel. Durch die Unsummen religiöser und menschlicher und
staatlicher Schuldigkeiten würden auch wir in die Schuldenfalle
geraten. Gott hat unsre Pflichten ihm gegenüber aufgehoben. Sie
gelten nicht mehr. Wir sind Gott nichts mehr schuldig – außer dem,
was wir einander schuldig sind, nämlich Liebe. (Römer 13,8).
Ich habe mich immer wieder gewundert, warum wir im Vaterunser
beten "Und vergib uns unsre Schuld" und nicht "unsre Sünden". Jetzt
weiß ich's: Gemeint ist nicht "verzeihe uns, wenn wir Fehler gemacht
haben", sondern "erlasse uns unsre Pflichten" – für uns schon im
Voraus und nicht erst hinterher, wenn wir versagt haben.
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |