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Liebe Leserin, lieber Leser, es ist Montagmorgen nach der Europawahl. Ich werfe einen Blick
auf die Zeitung: Betretene Blicke der Verlierer, Zähnefletschende
Gewinner. Warum zeigt man eigentlich den anderen seine Zähne, wenn
man sich freut? Geht das auf eine alte Siegerpose zurück? "Wartet,
euch werde ich's zeigen. Ihr seht, ich habe gute Zähne. Wage es
einer und lege sich mit mir an!" Oft wirken die "cheese"-Münder auf
den Fotos unecht. Man weiß nicht, ob diese Menschen wirklich
fröhlich sind, ob sie vorgeben zu triumphieren, oder ob sie Angst
haben und beißen wollen. Ich bin froh, dass man das falsche Grinsen
von den Passbildern verbannt hat. Das Leben ist ernst genug. Warum
müssen wir Freude heucheln?
Können wir uns überhaupt freuen? Wir modernen Menschen sind
darauf dressiert, unsre Gefühle nicht zu zeigen. Wir wohnen zu dicht
aufeinander und stören die anderen, wenn wir vor Zorn lospoltern,
vor Übermut jodeln, unsern Schmerz hinausschreien oder "frohlockend"
herumtanzen und jubeln.
Nicht, dass wir uns nicht freuen würden. Wir lachen über Witze.
Wir haben auf Freizeiten eine Menge Spaß miteinander. Wir genießen
etwas Schönes, empfinden Wonne bei Zärtlichkeit, haben Lust auf ein
Eis, freuen uns auf ein Fest und über ein Geschenk, sind froh, wenn
wir eine Schwierigkeit überstanden haben. Wir sind befriedigt, wenn
ein Ziel erreicht, ein Wunsch in Erfüllung gegangen, ein Gebet
erhört wurde.
Wir äußern unsre Gefühle nicht laut, sondern leise. Wir zeigen
sie in stürmischer Umarmung, dankbarem Händedruck, Lächeln, Tränen,
Freudentränen, warmen Worten. Und manchmal sind wir so überwältigt,
dass es uns die Sprache verschlägt.
"Ein Christ soll ein fröhlicher Mensch sein" (Luther) oder
besser: Er darf ein fröhlicher Mensch sein. Wie äußert sich das?
Nicht so, dass er ewig grinsend und zähnefletschend durch die Welt
läuft wie die Wahlgewinner auf den Fotos. Wir haben ja allen Grund
uns zu freuen: Wir können stolz darauf sein, dass wir Gottes Kinder
sind. Das Beten lehrt uns dankbar sein für all das Gute, das wir
tagtäglich erleben. Die Welt muss sich nicht ändern, aber wir sehen
sie positiv. Wolken sind normal, daher freue ich mich über jeden
Sonnenstrahl. Im Sommer ist heiß normal, daher freue ich mich über
jedes Wölkchen, das Schatten spendet, und jede Abkühlung. Die
"Freude im Herrn" ist Zufriedenheit, die wir durch den Glauben ("im
Herrn") gewinnen. Ist Gewissheit, dass wir in Gottes Hand stehen und
uns alles zum Besten dienen muss. Ist Gelassenheit im Vertrauen auf
Gott, der in allen Dingen den längeren Atem hat.
Wie stellen wir uns den Himmel vor? Ist dort ein unaufhörliches
Fest? Ewiger brausender Jubel wie nach einem gewonnenen
Fußballspiel? Oder herrscht dort eher eine stille Zufriedenheit,
dass wir endlich wieder daheim sind, endlich wieder mit Gott
vereinigt? Im Himmel kann es nicht viel anders sein als auf der
Erde. Wer hier mit Jesus verbunden, "im Herrn ist", wird es dort
auch sein. Psalm 131,2 bringt dies mit
wunderbaren Worten zum Ausdruck: "Fürwahr, meine Seele ist still und
ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter; wie ein
kleines Kind, so ist meine Seele in mir."
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |