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Liebe Leserin, lieber Leser, der Segen im Gottesdienst ist so sicher wie das Amen in der
Kirche. Das heißt, dass er gesprochen wird. Ob er sich auch
tatsächlich einstellt, ist eine andere Sache.
Woran liegt es, wenn wir trotzdem Pech haben?
Sicherlich auch an uns, wenn wir nicht bereit sind, uns auf Gott
einzulassen. Es gibt so vieles, was uns daran hindert. Ich selbst
habe manchmal einen schlechten Tag und bin gar nicht aufnahmefähig,
einfach kaputt. Wie kann ich mich da öffnen, wenn ich noch nicht mal
die Kraft habe, die Augen offenzuhalten? Manchmal sind wir innerlich
verkrampft vor Ärger, Kummer, Stress. Oder mit den Gedanken nicht
bei der Sache, weil wir uns nicht lösen können von dem, was uns
bisher beschäftigt hat. Oder wir sind skeptisch: Was können denn ein
paar fromme Worte nützen? Wir müssen selber mit unserm Leben
klarkommen. Sicherlich liegt es auch an uns, ob wir die Segensworte
annehmen können oder nicht.
Es liegt aber auch an dem, der den Segen spricht und meist den
ganzen Gottesdienst gehalten hat. Gottesdienst halten kostet Kraft,
das habe ich ja selbst oft genug erlebt. Am Ende hat mir manchmal
die innere Energie gefehlt, den Segen wirkungsvoll rüberzubringen.
Denn Segen ist nicht einfach ein schön formulierter frommer Wunsch,
den man vom Zettel ablesen kann, sondern eine Art Kraftübertragung.
Er ist auch kein Gebet ("Herr segne uns"), sondern ein vollmächtiger
Zuspruch: "Der Herr segne dich".
Ob Segen wirksam wird, liegt aber nicht allein an dem, der den
Segen spricht, und dem, der ihn empfängt. Beide beeinflussen ja
einander: Wenn die Konfirmanden unruhig sind und schwätzen, wie soll
sich da der Pfarrer konzentrieren können? Wenn er sich ablenken
lässt, wie will er dann die Gemeinde mitreißen? Wir sind doch alle
nur Menschen.
Ich habe den Monatsspruch um den folgenden Vers erweitert: "Denn
ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie
segne." Das hilft uns nämlich verstehen, was beim Segnen tatsächlich
geschieht: Es ist nicht die "Aura" oder innere Kraft des Segnenden,
die bei der Gemeinde rüberkommen muss. Es ist der Name Gottes, der
wieder und wieder auf uns gelegt wird, wie ein Schutzmantel, der uns
vor schädlichen Einflüssen bewahrt, wie Sonnencreme, die unsre Haut
vor Verbrennungen schützt.
Ein Schutzmantel funktioniert immer. Eincremen müssen wir uns
immer wieder neu. Aber Gott ist doch kein Hilfsmittel, das wirkt,
wenn wir es richtig benutzen. Er hat doch einen eigenen Willen! Mit
welchem Recht kann ich von Gott verlangen, dass er jetzt mit uns
redet, unsre Gebete hört, uns vergibt und segnet? Wir haben manchmal
den Eindruck, dass er uns böse ist und uns Böses zufügt. Im
Unterschied zu uns kann Gott auch schweigen, und dieses Schweigen
kann manchmal sehr bedrückend sein. Wir suchen eine Antwort und
finden keine. Wir tappen im Dunkeln und sehen kein Licht.
Das Geheimnis des Segens besteht darin, dass wir diesem Schweigen
standhalten, indem wir selbst still werden. Dass wir unsre Gedanken
abschalten, die uns bisher beschäftigt haben. Gott lässt sich nicht
zwingen. Aber er strömt wie Luft oder Wasser überall da ein, wo er
etwas leer findet. Nur wenn wir innerlich ganz leer werden, kann
Gott uns mit seiner Kraft und seinem Geist füllen. Vor Gott sind wir
alle Flaschen. Flaschen sind dafür da, dass man sie füllt. Also:
Deckel ab, die eklige Brühe ausgegossen, ausgespült und dann mit was
Besserem gefüllt. Das ist Segen.
Gott segne dich.
Heinrich Tischner |