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Liebe Leserin, lieber Leser, Losungen, Lehrtexte, Wochen- und
Monatssprüche und Jahreslosungen sollen uns durch den jeweiligen
Zeitabschnitt begleiten. Wenn wir darüber nachdenken, können wir
Zusammenhänge für unser Leben entdecken und Gottes Wort für uns
persönlich hören. Denn Gottes Wort, das sind nicht Buchstaben auf
dem Papier, sondern was Gott mir heute zu sagen hat: "ICH WILL DIR
DURCH ALLES BÖSE HINDURCH HELFEN, DAS DIR WIDERFÄHRT, SO DASS AM
ENDE ALLES GUT WIRD. DU DARFST EIN SEGEN FÜR ANDERE SEIN, SO DASS
AUCH SIE AN DEM GUTEN TEILHABEN, DAS ICH AN DIR GETAN HABE. SO GEHE
MUTIG AN DAS HERAN, WAS ICH DIR AUFGETRAGEN HABE, ICH GEBE DIR DIE
KRAFT DAZU."
Diese Sprüche haben aber den Nachteil, dass sie aus dem
Zusammenhang gerissen sind. Aus solchen isolierten Versen kann man
alles herauslesen.
Mir fällt dazu ein Eintrag im Trauregister ein, als ein
angehender Müller heiratete: "Trautext: Nimm die Mühl und mahle
Mehl." Das machte mich neugierig. Ich schlug nach, das steht in
Jesaja 47, 1.2: Die stolze Babylonierin soll die Mühle nehmen und
die Arbeit einer Sklavin verrichten. Das wollte der Pfarrer der
Braut bestimmt nicht sagen.
So dürfen wir doch mit der Bibel nicht umgehen und dem Propheten
das Wort im Mund herumdrehen! Deshalb müssen wir auch beim
Monatsspruch den Zusammenhang bedenken (Sacharja 8,9-13):
Diese Segenszusage gilt zunächst nur für ein ganz bestimmtes
Vorhaben, nämlich den Wiederaufbau des jüdischen Tempels um 530 v.
Chr. "Stärkt eure Hände" und macht euch endlich an die Arbeit! "Ich
will euch erlösen", denn ihr habt schwere Zeiten hinter euch,
Missernten und Übergriffe der Nachbarvölker. Wenn erst mal der
Tempel steht und Gott die Opfer bekommt, die ihm zustehen, wird er
auch euch das geben, was ihr nötig habt. "Ihr sollt ein Segen sein",
nachdem ihr bisher ein Fluch wart. Die Menschen auf der ganzen Welt
haben ihren Feinden gewünscht: "Dir soll es gehen wie den Juden". In
Zukunft wird man euch als Beispiel nennen für ein Volk, dem es gut
geht.
Das sind keine Worte, die immer und überall gültig sind. Man kann
sie vielleicht auf den Wiederaufbau einer zerstörten Kirche
beziehen, aber doch nicht ohne weiteres auf dich und mich mit dem,
was wir gerade vorhaben.
Bleiben wir bei der Kirche: Die Gernsheimer Kirche war 1945
zerstört worden. Da hätte man diesen Spruch zitieren können, um Mut
zum Wiederaufbau zu machen. Sie wurde wieder neu errichtet, aber
ohne die Turmspitze, die sie ursprünglich hatte. Die Kirchenleitung
meinte: Ein einfaches Satteldach tut's auch. Vor zehn Jahren hatten
dann ein paar Gemeindeglieder die Idee: "Wir wollen wieder eine
Turmspitze." Hätten sie sich da auf diesen Spruch berufen dürfen:
"Stärkt eure Hände und baut"? Ich bin nicht darauf eingegangen.
Schon damals mussten wir sparen. Und wem nützt eine Turmspitze? Es
schmeichelt dem Selbstbewusstsein der Gemeinde, wenn der
evangelische Kirchturm höher ist als der katholische. Ist das der
Segen Gottes?
Dazu kommt: Die Kirche ist zerstört worden, weil Krieg war, und
der Krieg war nicht einfach ein Unglück, sondern ein Verbrechen, das
unser Volk begangen hat. Der "Zusammenbruch" beim Kriegsende wurde
von unsren Vätern als Strafe Gottes verstanden. – Ähnlich haben es
die Juden verstehen gelernt, als ihre Heimat von den Babyloniern
verwüstet worden war: Das war die Quittung für eine verfehlte
Politik, vor der Propheten wie Jeremia gewarnt hatten.
Man muss immer die Zeitumstände bedenken. Vor dem Zusammenbruch
haben die Propheten kritisiert und ermahnt, hinterher haben sie
getröstet und ermuntert. Alles zu seiner Zeit!
Diese Segenszusage Gottes gilt also nicht immer und überall,
sondern den Menschen, die mach Gottes Willen fragen, bereit sind,
ihre Fehler einzugestehen und einen neuen Anfang zu wagen. Dann
darfst auch du das in Anspruch nehmen, was ich oben geschrieben
habe.
Mit freundlichen Grüßen
Heinrich Tischner |