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Liebe Leserin, lieber Leser, Abraham glaubte, Gott über alles zu
lieben, als er seinen einzigen Sohn opfern wollte (Genesis 22). Mose
glaubte, Gott über alles zu lieben, als er den Leviten befahl, ein
Blutbad unter den Israeliten anzurichten, die das Goldene Kalb
angebetet hatten. (Exodus 32,25-29). Elia glaubte, Gott über alles
zu lieben, als er die heidnischen Baalspropheten eigenhändig
hinrichtete. (1. Könige 18,40). In vielen Geschichten erzählt die
Bibel, wie Menschen im Eifer für Gott über Leichen gingen. Unser
Jesus hat Gewalt abgelehnt und selbst lieber Unrecht gelitten als
Unrecht getan – beispielhaft dargestellt in der Geschichte vom
"ungastlichen Samariterdorf" (Lukas 9,52-56) und grundsätzlich in
der Bergpredigt (Matthäus 5,5.9.39). Aber unsre Mitchristen haben
sich nicht immer daran gehalten. Diese Gewaltexzesse werden von
Atheisten gegen das Christentum und Religion überhaupt angeführt.
Ich orientiere mich aber nicht an diesen negativen Beispielen,
sondern an den positiven Vorbildern, schon im Alten Testament: Elisa
brachte das Kunststück fertig, einen Trupp feindlicher Krieger zu
"blenden", so dass sie hinter ihm her getrottelt sind bis in die
israelitische Hauptstadt. Auf dem Marktplatz gingen ihnen die Augen
auf und sie fanden sich von israelitischen Soldaten umzingelt. Der
König wollte sie töten lassen, aber Elisa setzte sich dafür ein,
dass sie Proviant bekamen und entlassen wurden (2. Könige 6).
Bonifatius hat sich in hohem Alter in Friesland von heidnischen
Fanatikern widerstandslos erschlagen lassen und den christlichen
Friesen verboten ihn zu verteidigen. Das sind nur zwei Beispiele,
eins aus der Bibel und eins aus der Zeit danach. Es gibt noch
unzählige andere – die sollten wir uns zum Vorbild nehmen und sie
erwähnen, wenn man heute versucht, uns unseren Glauben madig zu
machen. Schon Jesus hat ja in seiner Zeit gesehen, wie falsch
verstandene Gottesliebe in unmenschlichen Glaubenseifer ausarten
kann. Darum bindet er die Gottesliebe untrennbar an die
Nächstenliebe (Markus 12,29-31). Wer sich zu Jesu hält, kann sich
gar nicht aus Liebe zu Gott in einen Fanatismus hineinsteigern, der
über Leichen geht, weil er auch der Menschenliebe verpflichtet ist.
Wir Christen in Deutschland greifen nicht mehr im Namen Gottes zur
Waffe. Das waren Entgleisungen der Vergangenheit, die wir
missbilligen. Wir unterliegen heute vielmehr der umgekehrten Gefahr:
Dass wir uns auf die caritative Nächstenliebe beschränken und Gott
dabei ganz vergessen. Ich entsinne mich an ein Gespräch, das ich
vor Jahrzehnten mit einem Kollegen hatte: "Kann man einen Menschen
zu sehr lieben?" Er meinte: Nein. Ich kann mich an Einzelheiten
nicht mehr erinnern. Aber seitdem bin ich überzeugt, dass man es mit
der Liebe auch übertreiben kann. Beispiel in einer Partnerschaft:
Wenn man von seinem Partner alles erwartet, die Erfüllung des
Lebens, Glück und Seligkeit, überfordern wir ihn nicht nur, sondern
setzen ihn an die Stelle Gottes und machen ihn zum Götzen. Genauso,
wenn man einem Menschen hörig wird und ihm nichts Eigenes mehr
entgegensetzen kann. Oder wenn man seinen Kindern keine Grenzen
setzt und das auch noch mit Liebe verwechselt. Nur eine starke
Persönlichkeit ist fähig zur Liebe. Ein Paar, das sich aneinander
festklammert und aneinander Halt sucht, ist schwach. Jeder muss so
stark werden, dass er selbst fest steht und dem Anderen im Notfall
Halt geben kann. Diese Stärke gewinnen wir durch den Glauben und die
unbedingte Liebe zu Gott. Besser gesagt: indem wir uns von der Liebe
Gottes füllen lassen, bis wir randvoll sind und überlaufen. Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |