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Liebe Leserin, lieber Leser, ein faszinierendes Programm hatten
die Leute, die mit Mose an die Grenze des Verheißenen Landes
gekommen waren: Das Land wird gleichmäßig an alle Familien verteilt
und darf nicht verkauft werden. Jeder soll sich als Kleinbauer
"unter seinem Weinstock und Feigenbaum" selbst versorgen, auch der
Stammesälteste, auch der Richter, der an der Spitze der Gemeinschaft
steht. Sie brauchten keinen Staat, keinen König, keine Verwaltung,
kein Militär, kein Staatsdefizit. Und natürlich auch keine Steuern,
also auch keine Steuersenkungen. Und das soll gut gehen? Zwei-
oder dreihundert Jahre hat das Gemeinwesen ohne Staat tatsächlich
funktioniert. Die Regelung, dass israelitischer Grundbesitz
unverkäuflich ist, war länger als ein halbes Jahrtausend in Kraft,
auch der König musste sich daran halten, wie die Geschichte von
Nabots Weinberg zeigt (1. Könige 21). "Jeder unter seinem
Weinstock und Feigenbaum", das war soziale Gerechtigkeit. Solange
man sich daran hält, dürfte es keine Armen mehr geben. Sollte man
meinen. Aber Mose warnt vor Illusionen. Auch das gerechteste
Sozialsystem kann Armut nicht verhindern. Daher das zwingende Gebot
(nicht die zaghafte Bitte oder der unverbindliche Rat): Jeder ist
verpflichtet, einen Armen zu unterstützen. Wieso kann es aber Arme
geben, wenn sich jeder selbst versorgen kann? Die Gründe für Armut
sind vielfältig: Was heute die Wirtschaftskrise ist, waren damals
Missernten, Trockenheit oder Heuschrecken. In den vielen Kriegen
wurden die Äcker verwüstet. Feinde raubten die Ernte. Die Belagerten
litten Hunger. Auch in guten Zeiten konnte eine Familie verarmen,
weil sie wegen Krankheit und Todesfällen das Land nicht
bewirtschaften konnte. Oder weil die Menschen nichts taugten. Die
Thora begnügt sich nicht nur mit der allgemeinen Pflicht zu helfen,
sondern hat ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die verhindern sollen,
dass Menschen ins Elend abstürzen. Ich finde es bemerkenswert,
dass Mose realistisch ist und sich keine Illusionen macht. Er hat
ein gutes Programm, aber kein Patentrezept. Heute sind wir ja
geneigt zu sagen: Wir müssen das Übel an der Wurzel packen, statt
nur die Auswirkungen abzumildern. Das Übel heute ist sicher die
Gier, nicht nur die der Bank-Manager und Finanzierungskünstler. Denn
Gier ist der Motor der Marktwirtschaft. Wenn jeder zufrieden wäre
und sich mit dem begnügen würde, was er hat, würde sie nicht
funktionieren. Unsre Wirtschaft lebt vom Wachstum. Sie lebt davon,
dass sie unsre Bedürfnisse weckt. Genügsamkeit ist Gift für sie. Und
Balsam für die Umwelt. Patentrezepte neigen zu gewaltsamen
Lösungen. Wir wissen, was dabei herauskommt: Blut und Tränen und
Ideale, die ins Gegenteil verkehrt werden. Jesus hat Radikallösungen
abgelehnt. Man kann nicht das Unkraut vom Weizen trennen
(Matthäus 24,25-30). Die Christen sollen wie Salz (Matthäus 5,13)
und Sauerteig sein (Matthäus 13,33): ein bisschen genügt – aber
allzu viel ist ungesund. Jesus hat gefordert: "Verkaufe alles, was
du hast, und gib's den Armen" (Markus 10,21). Wo kämen wir hin, wenn
das jeder machen würde? Wo kämen wir hin, wenn sich jeder alles
gefallen lassen würde, wie es Jesus in Matthäus 5,39 fordert? Und wo
kämen wir hin, wenn wir die Suppe 1:1 mit Salz mischen und das
Sauerteigferment pur essen würden? Das Evangelium taugt nicht als
Patentrezept für Weltverbesserer. Die mittelalterlichen Klöster
haben mit Jesu Armutsideal Ernst gemacht, solange sie nicht selbst
Reichtümer anhäuften. Es hätten nicht alle Menschen ins Kloster
gehen können, aber die Ordensgemeinschaften waren als Minderheit wie
Salz und Sauerteig und haben segensreich gewirkt. So kann es auch
ein Segen in der Welt des Wirtschaftswachstums (bzw. der Rezession)
sein, wenn es Menschen gibt, die gegensteuern und "einfach leben,
damit andere einfach leben können". Lernt vom Auto ein Gleichnis:
Es hat nicht nur ein Gaspedal, sondern auch eine Bremse. Unsre Welt
braucht Gasgeber und sie braucht Bremser. Sie funktioniert nur, wenn
beide zusammenwirken. Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |