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Liebe Leserin, lieber Leser, muss das sein, dass ich mein Leben
lasse für meine Freunde? Das ist doch völlig uncool, denn wenn ich am
Leben bleibe, haben die Freunde mehr von mir. Und ich von ihnen. Und
vom Leben überhaupt. Wie bitte? Ach so, da ist ja gar nicht von mir
die Rede, sondern von Jesus. Ja natürlich, der hat sein Leben gelassen
für uns und alle Menschen. Aber weichen wir damit nicht aus, wenn
wir sagen: "Der Monatsspruch bezieht sich auf Jesus. Er starb nicht,
damit wir auch sterben müssen, sondern damit wir leben können."
Richtig! Aber es gibt ja so viele Beispiele, wo sich auch andere
Menschen für jemand geopfert haben: Pater Maximilian Kolbe, ein
polnischer Priester, ohne Verpflichtung für eine Familie, ließ sich im
KZ an Stelle eines Häftlings ermorden, der Familie hatte. Mein
Urgroßvater soll in einem brennenden Haus von einem herabstürzenden
Balken erschlagen worden sein, weil er helfen wollte. Wie viele
gefährden ihr Leben oder kommen sogar dabei um, weil sie Andere in
gefährlichen Situationen retten wollen. Leider ist diese
Bereitschaft, sich für andere einzusetzen, allzu oft missbraucht
worden, indem man junge Leute als Kanonenfutter in den Tod hetzte und
etwas faselte vom "Heldentod für Volk und Vaterland". Genauso
unverständlich und verbrecherisch ist es, wenn man heute junge Leute
als Selbstmordattentäter ausbildet, angeblich um Gott damit zu dienen.
Ist ein Volk, ist eine Kultur lebensmüde, wenn sie ihren Nachwuchs
opfert? Aber müssen wir Christen uns da nicht auch an der eigenen
Nase ziehen? Ich will ja gar nicht vom Kinderkreuzzug reden, wo die
westliche Christenheit wohlwollend geduldet hat, dass eine ganze
Generation zu einem wahnwitzigen Unternehmen aufgebrochen ist, das gar
nicht gelingen konnte. Ich denke vielmehr an das Urchristentum: Weil
Märtyrertum als Krönung des Glaubens galt, gab es viele, die von
Todessehnsucht erfüllt alles taten, um als Glaubenszeugen sterben zu
können. Bischof Polykarp von Smyrna wurde 155 in Rom im Zirkus
verbrannt. In seinen Briefen, die er auf seiner Reise geschrieben hat,
gibt er immer wieder zu erkennen, dass er nach Rom aufgebrochen ist,
um dort Märtyrer zu werden. Ist das nicht pervers, wenn es jemand
darauf anlegt ermordet zu werden? Jesus ruft nicht zum christlichen
"Heldentod" auf, sondern erinnert an ganz selbstverständliche
Situationen, wo jemand unbedenklich sein Leben riskiert, um andere zu
retten. Kern dieser Aussage ist doch: Liebe ist zum Äußersten bereit.
Unbedachtes Draufgängertum aber ist nicht im Sinne Jesu. Darum hat er
gesagt: "Seid klug wie die Schlangen" (Matthäus 10,16),
provoziert keine Konflikte und haltet Frieden (Markus 9,50;
Römer 12,18). Das Gegenteil ist aber
auch nicht im Sinne Jesu: dass wir uns schonen. Der Sinn des Lebens
ist doch, dass wir uns einsetzen mit allen unsren Kräften und
Fähigkeiten. Erst dann können wir Erfüllung finden, wenn wir von
unserm Leben auch Gebrauch machen. "Denn wer sein Leben erhalten will,
der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert …, der wird's
erhalten" (Markus 8,35) – das ist zunächst
eine allgemeine Lebensregel: Wir sind nicht da, um möglichst lange zu
leben, sondern um das zu tun, was Gott von uns erwartet, und uns voll
dafür einzusetzen. Die Kerze ist uns dafür ein Beispiel: Sie erfüllt
nur ihren Zweck, indem sie sich selber verzehrt. Eine Kerze, die sich
schonen wollte, hätte den Sinn ihres Daseins verfehlt. Das gilt
natürlich auch für das Bekenntnis zu Jesus, darum heißt es: "… wer
sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen…" Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |