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Liebe Leserin, lieber Leser,
Hans und Fritz sehen jemand auf der anderen Straßenseite. Fritz kann
ihn genau beschreiben - Hans hat zwar schlechte Augen, erkennt aber an
der Statur und an der Art, wie er geht, dass das nur sein Nachbar Karl
sein kann. Was der anhat, ist völlig egal, ob er einen Schirm oder
eine Einkaufstasche trägt, ist unwesentlich. Sehen mit den Augen am
Kopf ist das eine, Erkennen mit denen im Kopf das andere.
Trotzdem kann es sein, dass Hans den Nachbarn zwar erkennt, aber nicht
wirklich kennt und erst recht nicht versteht. Er sieht vielleicht,
dass er nur selten seinen Rasen mäht und hält ihn für einen faulen
Schlamper. Er kann nicht wissen, dass Karl in seiner Freizeit
Krankenhausbesuche macht und der Rasen ihm nicht so wichtig ist. Wir
brauchen also nicht nur Augen am Kopf, sondern auch im Kopf und
sogar im Herzen.
Davon redet der Monatsspruch. Augen im Herzen brauchen wir auch in
Glaubensdingen. Machen wir uns das an einem weiteren Beispiel klar:
Viele Menschen können mit Gott und Jesus und Bibel und ewigem Leben
nichts anfangen. Sie sagen: "Ich glaube nur, was ich sehe." Und was
sehen sie? "In der Natur frisst einer den anderen. Nur der Stärkste
überlebt." Der einzige Sinn bei diesem Katz- und Maus-Spiel sei es,
das Fortbestehen der eigenen Art zu sichern. Es sei beim Urknall weder
vorgesehen noch vorauszusehen gewesen, dass es Fuchs und Hasen geben
würde und dass der Langschwanz das Langohr frisst und nicht umgekehrt.
Dass alles so ist, wie wir es kennen, sei reiner Zufall.
Auch als Christ glaube ich nur, was ich sehe. Dass einer den anderen
frisst, hat man uns eingeredet und lässt sich nicht immer mit dem
vereinbaren, was wir beobachten: Junge Pavianmänner sichern ihre
Gruppe und nehmen es sogar mit Leoparden auf. Kinderlose Elefantinnen
betreuen die Jungtiere wie im Kindergarten. Schimpansenmänner
adoptieren verwaiste Äffchen. Delphine pflegen kranke Artgenossen und
retten verletzte Menschen. Biene und Blütenpflanze, Krokodil und
Zahnputzvogel sind gut eingespielte Teams, in denen jeder den anderen
braucht.
Ja, ich weiß, ich habe meine Vorurteile. Weil ich an die Liebe glaube,
finde ich auch in der Natur etwas, was man Liebe nennen könnte. Aber
ich bin nicht blind dafür, dass Leoparden Paviane fressen und die
Pavian-Krieger auch mal einen Leoparden zerfleischen. Und dass die
fürsorglichen Schimpansenmänner Vernichtungskriege gegen andere
"Stämme" führen. Aus der Natur kann ich keine Normen für mein eigenes
Handeln gewinnen. Dafür brauche ich andere Maßstäbe. Ich beziehe sie
aus der Bibel.
Und wie ist es mit der Hoffnung? Ja, ich freue mich schon auf den
Frühling, wenn alles wieder grünt und blüht, und habe den grauen
Himmel über der leichenbleichen Erde gründlich satt. Das dauert aber
nur ein halbes Jahr und dann fängt alles wieder von vorne an - ein
ständiges Auf und Ab. In unserm Leben aber wiederholt sich nichts. Wir
werden geboren und sterben. Nach dem Sommer kommt der Herbst, in dem
sich unsre "Blätter" verfärben und ausfallen. Nach unserm Winter kommt
kein neuer Frühling. Die Natur lehrt uns keine Hoffnung.
Ich brauche die Bibel, um eine Hoffnung zu haben, dass es hinter
dieser sichtbaren Welt noch eine andere, unsichtbare gibt. Ich glaube
daran, weil ich in meinem Leben so viel davon gespürt habe: Dass
Gebete erhört werden - dass ich oft bewahrt worden bin - dass ich auch
in den Schicksalsschlägen meines Lebens einen Sinn erkennen kann -
dass Jesu Rezept der Liebe äußerst wirkungsvoll ist - dass Gott bei
mir bisher alles gut gemacht hat. Darum kann ich glauben, dass er auch
weiterhin alles gut machen wird. Nur wer glaubt und es selbst
ausprobiert, kann erfahren, dass unser Glaube eine sehr gute
Lebenshilfe ist. Wenn er sich aber bereits in der sichtbaren Welt
bewährt - warum nicht auch in der unsichtbaren Welt?
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |