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Liebe Leserin, lieber Leser,
"nicht schon wieder", stöhnte ich, als ich den Monatsspruch las.
"Sucht Gott" hatten wir doch erst, jetzt "bekehre dich", das ist doch
fast dasselbe. Doch dann, als ich das ganze Kapitel las, war ich
fasziniert:
Denn Hosea 12 ist die älteste Bibelauslegung. Obwohl es die heutige
Bibel noch nicht gab, auch nicht das 1. Buch Mose, war doch um 750
v. Chr. die Jakobsgeschichte bekannt, wie wir sie heute kennen: Jakob
hielt bei der Geburt seinen Zwillingsbruder Esau an der Ferse (Vers 4
= Genesis 25,26) und hat mit einem Engel gekämpft (Vers 5 =
Genesis 32,25-30). Gott hat zweimal in Bethel mit ihm gesprochen
(Vers 5 = Genesis 28,14+15; 35). Er musste nach Syrien fliehen. Dort
musste er den Preis für seine Braut als Schäfer abarbeiten (Vers 13 =
Genesis 28+29). Auch die Namensdeutungen von Jakob als 'Fersenhalter,
Betrüger' und von Israel als 'Gotteskämpfer' sind dem Propheten
bekannt. All das sind Andeutungen, die im 1. Buch Mose ausführlich
erzählt werden.
Mindestens die Jakobsgeschichte war damals schon fertig ausformuliert
und jedem Israeliten vertraut, sonst hätte man Hosea nicht verstehen
können. Er kann sich auf Anspielungen beschränken, weil die Hörer
Bescheid wissen. Vielleicht lag diese Erzählung sogar schon als
Vorstufe zu den Mose-Büchern in schriftlicher Form vor.
Hosea wendet die alten Geschichten auf die Gegenwart an: Schon der
Stammvater Jakob war ein Betrüger – wie die Zeitgenossen des
Propheten, die mit gefälschten Waagen ihre Käufer übers Ohr hauten,
ihren Reichtum genossen und sich keiner Schuld bewusst waren. Schon
Jakob musste zweimal das Land verlassen, erst nach Syrien, dann nach
Ägypten. Kann das auch mit seinen Nachkommen geschehen?
Hosea lässt sich die überlieferten Geschichten durch den Kopf gehen,
stellt dabei Parallelen zur Gegenwart fest und verlängert diese Linie
in die Zukunft: von Jakob, dem Betrüger, zum Geschäftemacher der
Gegenwart – vom Jakob, dem Flüchtling, zur drohenden Deportation
seiner Nachkommen in der Zukunft. Immerhin durfte Jakob wieder nach
Bethel zu Gott zurückkehren (in Vers 7 angedeutet). Immerhin hat Mose
Israel wieder aus Ägypten geführt (Vers 14).
Was geht das uns an? Flucht und Vertreibung gab es ja auch vor 65
Jahren in unsrer Geschichte. Dieses Thema ist bis heute noch nicht
ausdiskutiert. Ich sah da immer eine enge Parallele zwischen dem
Schicksal Israels und unserm eigenen. Gewiss durfte Israel aus Ägypten
zurückkehren und Jahrhunderte später aus der Babylonischen
Gefangenschaft und in unsrer Zeit aus aller Welt zurück ins Heilige
Land. Aber jedesmal um einen hohen Preis: Die Rückkehrer aus Ägypten
beriefen sich auf alte Ansprüche und begannen die Urbevölkerung
auszurotten. Die Rückkehrer aus Babylonien beriefen sich auf alte
Ansprüche und ignorierten, dass im Heiligen Land ja noch
Stammverwandte lebten. Den heutigen Staat Israel zu kritisieren habe
ich als Deutscher kein Recht. Aber man wird doch noch sagen dürfen:
"Liebe Israelis, ihr wisst, was unsre Väter euch angetan haben.
Deshalb seid bitte, bitte vernünftig und begeht nicht genau dieselben
Sünden."
Und den Nachkommen unsrer Vertriebenen muss ich sagen: "Lernt aus
dieser Geschichte. Die Vertreibung war Unrecht, eine Rückkehr würde
neues Unrecht bringen. Begrabt die Toten der Vergangenheit, versöhnt
euch mit euren Vertreibern und lasst uns gemeinsam einen Weg in die
Zukunft gehen."
Und der Monatsspruch? Ist unter den Tisch gefallen! Stimmt, ich wäre
beinahe drauf getreten: Hier ist er: "So bekehre dich nun zu deinem
Gott, halte fest an Barmherzigkeit und Recht und hoffe stets auf
deinen Gott!" Hosea spielt auf die Rückkehr Jakobs nach Bethel an.
Gott hatte ihm versprochen: "Du darfst wieder zurückkehren" – zunächst
rein geographisch, von Haran nach Bethel. Hosea legt diese Stelle
geistlich aus: Ihr dürft zu Gott zurückkehren. Darum, ihr Götzendiener
und Geschäftemacher und Realpolitiker: Kehrt zurück zu eurem Gott und
tut endlich, was er von euch erwartet: Barmherzigkeit und Recht."
Nicht nur in der Bundesregierung, sondern auch in unserm eignen Leben.
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |