Glauben, ohne den Verstand zu verlieren

Ein Nachruf auf Heinrich Tischner

Heinrich Tischner habe ich in seiner Schorschehäuser Zeit im CVJM kennengelernt. Er war ja Pfarrer in Georgenhausen-Zeilhard und zugleich Vorsitzender unseres örtlichen CVJM. Den Verein hatte er Anfang der 80er Jahre zusammen mit Edwin Suckut, meinem Vater Gustav-Adolf Langenbruch und weiteren Menschen aus Reinheimer Ortsteilen gegründet, um missionarische Jugendarbeit zu fördern und zu gestalten.

Meine erste bewusste Erinnerung an Heinrich Tischner ist eine Wochenendfreizeit in Maria Einsiedel. Wir Ueberauer Kinder kannten ihn und die anderen „Schorschehäuser“ Mitarbeitenden nur vom Sehen. Heinrich Tischner schien mir gleich vertraut - wahrscheinlich lag das einfach an seinem großen Bart, denn mein Vater trug einen ähnlichen… Zu viel mehr reichen die Erinnerungen an diese Zeit allerdings nicht mehr aus.

Ein paar Jahre später stieß ich als junger Mitarbeiter und Gruppenleiter der Ueberauer Jungschar zu dem Mitarbeiterstab der Kinderfreizeiten in Dornholzhausen dazu, die von Heinrich Tischner geleitet wurden. Ich erinnere mich an Mose, der sein Volk durch Schilfmeer und Wüste in das versprochene Land führte, an Priester, die während einer feierlichen Prozession die Bundeslade über den Hof des Freizeitheimes trugen, an nächtliche Mitarbeiterbesprechungen bis nach Mitternacht… Denn die Bibelgeschichten auf diesen Freizeiten wurden den Kindern meistens als Theater sozusagen vor Augen gestellt, mehr noch, sie wurden einbezogen, waren eben Priester oder Leviten oder Kundschafter – das gesamte Freizeitgeschehen war mit der Bibelgeschichte verwoben. Durch sein theologisches, geschichtliches und sprachliches Hintergrundwissen brachte Heinrich Tischner eine große Tiefe in die Freizeiten. Das zeigte sich in vielen Kleinigkeiten: für die Kinder galt es, ägyptische Hieroglyphen zu entschlüsseln (nur, das diese eben keine Phantasiezeichen, sondern tatsächliche ägyptische Schriftzeichen waren), der Briefkopf des freizeiteigenen Briefpapieres beschrieb in sumerischer Keilschrift „schulmu ischtu allii babilii“ - „Viele Grüße aus Babylon“, …

Während einer der weiteren Sommerfreizeiten wurden die biblischen Jesus-Geschichten in eine Missionsreise des Bonifatius durch Germanien eingebettet.

Ich habe Heinrich Tischner so erlebt, dass er jungen Mitarbeitenden Raum gab, selber zu gestalten, eigene Fähigkeiten einzubringen, er konnte sich dann zurückzunehmen.

Durch seine praktische Art, Bibelgeschichten und persönlichen Glauben mit dem Tagesgeschehen während der Freizeiten zu verbinden, haben wir jungen Mitarbeitenden viel über Bibelverständnis und über selbständigen, persönlichen Glauben gelernt. So wies er uns auch auf Widersprüche in der Bibel hin und erklärte, wie sie durch unterschiedliche Denkweisen der damaligen Zeit entstanden waren – und dann in die Bibel aufgenommen wurden, ohne sie aneinander anzugleichen. Er verstand solche Dinge als Beweis für die „Echtheit“ der Bibel, denn ein Fälscher hätte doch versucht, Widersprüche möglichst auszuräumen.

"Glauben, ohne den Verstand zu verlieren" ist der Titel eines Buches, dass Heinrich Tischner in den 90er Jahren veröffentlichte. Er setzte seinen Verstand und sein Wissen ein, um die alten Bibeltexte zu hinterfragen oder neu zu verstehen, er stellte ihnen archäologische Funde, außerbiblische Quellen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Seite – und konnte trotzdem staunen über die Wunder und Führungen Gottes, sowohl in den alten Bibeltexten als auch in der Gegenwart. Heinrich Tischner war nicht nur Pfarrer von Beruf, sondern er glaubte und lebte tatsächlich, was er verkündete. Das konnte während der Kinderfreizeiten sowohl im Bibeltheater zum Ausdruck kommen, als auch in persönlichen Gesprächen mit Mitarbeitern. Er wusste nicht immer alles, hatte selber auch offene Fragen. Das machte ihn authentisch. Vielleicht war er nicht immer einfach, aber er hatte eine klare Linie – und er war konsequent, auch in der eigenen Lebensführung.

Heinrich Tischner war unbestrittener Freizeitleiter, er trat im Bibeltheater meist als eine der Schlüsselfiguren auf, eben als Mose oder Bonifatius, hatte so die Zügel in der Hand – aber es ging ihm nicht um seine Person, sein Ansehen. Er selber konnte ganz dahinter verschwinden - die Botschaft war wichtig.

Mir ist eine Begebenheit in Erinnerung: Er hatte über die Jahre ein "Aufstufungs-System" entwickelt, bei dem Kinder für Arbeiten für die Allgemeinheit wie Küchendienst oder Flur-kehren Punkte bekamen. Manche Kinder wollten auf der Karriereleiter immer noch weiter aufsteigen. Am Freizeitende wurden die Sieger feierlich gekürt , z. B. als "Königin der Könige", als "oberster Tellerwäscher des Pharaos" usw. Alle Kinder wurden ihrer Rangfolge nach im Saal platziert. Nach den Kindern wurden die Mitarbeiter aufgerufen, in ihren jeweiligen Rollen der Bibeltheater mit einem Ehrenzusatz – und ganz zum Schluss, am Ende der langen Reihe, rief sich Heinrich Tischner selbst auf, als Letzter, einfach als "Mensch" - ohne jeden Titel.

Nach dem Wegzug der Familie Tischner aus Georgenhausen waren wir jungen Mitarbeitenden nun für die Sommerfreizeiten selbst verantwortlich. Der Kontakt zu Heinrich Tischner wurde etwas dünner, aber wir sahen uns, wenn sich der junge Mitarbeiterkreis des CVJM ab und zu im Gernsheimer Pfarrhaus traf, unter anderem, um Freizeiten und Familiengottesdienste vorzubereiten. Das Konzept der Bibeltheater behielten wir über viele Jahre auf unseren Kinderfreizeiten bei.

Nachdem Heinrich Tischner in Rente ging und mit seiner Frau Ingrid nach Bensheim zog, wurde unsere Verbindung schwächer, riss aber nie ganz ab. Wir sahen uns selten, dann aber gerne!

Zuletzt haben wir uns Ende Januar auf der Beerdigung meines Vaters getroffen, wo wir die Möglichkeit hatten, miteinander zu sprechen und uns aneinander zu freuen.

Für die Internetseite des CVJM Reinheim schrieb Heinrich Tischner viele Jahre regelmäßig eine Andacht, die letzte kurz vor seinem Tod im Februar.

Der CVJM Reinheim lässt mit ihm eines seiner Gründungsmitglieder gehen, das den Verein in den ersten zehn Jahren seines Bestehens maßgeblich mit beeinflusst und positiv geprägt hat.

Heinrich Tischner darf nun sehen, was er geglaubt und verkündet hat.

Wir denken mit warmem Herzen gerne an ihn zurück!

Gerrit Langenbruch