Andachten

Monatsspruch Dezember 2021

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr. (Sacharja 2,14)

Liebe Leserin, lieber Leser,

das haben wir gern: Da meldet sich einer und kündigt an: "Ich will bei euch wohnen. Richtet mir ein Zimmer her. Ich komme nächsten Mittwoch gegen Abend und bleibe für immer." - "Entschuldigen Sie, Sie haben sich geirrt. Wir vermieten keine Zimmer." Peng, aufgelegt. Unverschämtheit! Was bildet der sich ein? Oder wie würdest du reagieren?

Anders war es nach dem Krieg, als die Soldaten wieder heimkamen, 1945 wie mein Vater oder 1949 wie mein Onkel. Da war die Freude groß. Und die Ernüchterung. Denn daheim hatte sich einiges verändert, alles kaputt, die Kinder älter geworden, und der Heimkehrer war auch nicht mehr derselbe, verbittert durch das, was er erleben musste. War wenigstens die Frau ihm treu geblieben? Auch nicht immer. Man musste wieder neu zusammenfinden. Manchmal kam aber auch die Nachricht: "Euer Verwandter ist gefallen." Oder er wurde vermisst; keiner wusste, was mit ihm geschehen ist. Und die Witwe hat dann wieder geheiratet. Und vorher den Vermissten für tot erklären lassen.

Im Monatsspruch spricht Gott zu seinem Volk. Auch sie wurden durch den Krieg getrennt: Die "Tochter Zion", die Einwohner Jerusalems in die Fremde verschleppt, die Stadt und der Tempel zerstört. Auch Gott hatte sein Haus verloren. Die Enkel der Verschleppten durften nach 70 Jahren wieder zurückkehren. Schön gelt? Nein, überhaupt nicht. Denn Jerusalem war immer noch kaputt und der Tempel auch. Und in der alten Heimat wohnten schon Leute, die alles andere als froh waren über die Heimkehrer. Die richteten sich wieder ein. Und Gott? Der war nach menschlicher Meinung ja auch vertrieben worden. Und kündigt an, dass er wieder bei der "Tochter Zion", in Jerusalem wohnen will, im wieder aufgebauten Tempel.

Vor einem halben Jahrhundert hieß es überall: "Gott ist tot. Es hat keinen Sinn, an ihn zu glauben." Leider denken auch viele Christen so. Nicht nur in der Kirche. Es gibt gläubige Menschen, die schreiben alles Jesus zu, was man von Gott geglaubt hatte. Jesus können wir uns vorstellen, Gott nicht. Und wenn wir weiterdenken: Der Mensch Jesus ist ja auch gestorben. Oder?

Nein, Gott ist nicht tot, wir wollen bloß nichts mehr von ihm wissen. Wie wir manchmal ja auch von Menschen sagen: "Die ist für mich gestorben, der geht mich nichts mehr an." Aber auch, wenn wir den Kontakt abbrechen und diese Person für tot erklären, lebt sie weiter. Du kannst sie ja mal anrufen. Vielleicht wartet sie darauf, dass du den ersten Schritt tust. Und wenn nicht: Gott kannst du jederzeit anrufen = zu ihm beten und mit ihm reden. Probier's aus. Er lässt mit sich reden und ist nicht tot.

Ja, ich weiß, eine Fernbeziehung zu pflegen ist schwer und zerbricht leicht. Aber vielleicht nimmst du den Monatsspruch einfach wörtlich und nimmst die Besuchsankündigung an. Schick ihm eine Mail, ähm, ich meine, sag ihm:

"Dir öffn' ich, Jesu, meine Tür,
ach komm und wohne du bei mir.
Treib all Unreinigkeit hinaus
aus deinem Tempel, deinem Haus."
EG 389,2

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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