Andachten

Monatsspruch März 2017

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der Herr. (3. Mose/Levitikus 19,32)

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich hab es tatsächlich mal im Ausland erlebt, dass mir Jugendliche in der U-Bahn ihren Sitzplatz angeboten hatten. Ich habe es andersrum gelernt: Dass ich aufstehen muss, wenn Ältere keinen Sitzplatz haben. Noch gar nicht so lange her, vor 65 Jahren. Eigentlich leuchtet diese Regel ja ein: Ältere Menschen sind nicht mehr fit. Stehen an sich fällt ihnen schwer, erst recht bei der Fahrt mit einem öffentlichen Verkehrsmittel.

Das war zur Zeit der Bibel noch kein Thema. Vor jemand stehen, der "thront", war ein Zeichen des Respekts. Auf alten Bildern sitzt der Herrscher, während seine Minister stehen. Vor Gericht standen die Prozessbeteiligten und Angeklagten.

"Vor einem grauen Haupt aufstehen" ist also dasselbe wie "die Alten ehren", nämlich ihnen Respekt erweisen. Warum wir das tun sollen, ist nicht direkt gesagt, wird aber in der Fortsetzung angedeutet "und sollst dich fürchten vor deinem Gott": Da nicht jedes "graue Haupt" ehrwürdig ist, muss sich Gott mit seiner ganzen Autorität hinter das Gebot stellen: "Wer sich nicht dran hält, kriegt es mit mir zu tun." Andersrum ausgedrückt: Die Erzieher hatten ihre liebe Not zu begründen, warum man Tattergreisen Ehre erweisen soll, obwohl sie durch körperlichen und geistigen Verfall kaum noch in der Lage sind sich selbst vorzustehen.

Sirach 8,7 packt das geschickter an: "Verachte einen Menschen nicht, weil er alt ist; denn wir werden ja wohl auch alt werden." Darauf spielt auch das 4. Gebot an: "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird" (Genesis 20,12): In Würde alt werden können wir nur, wenn die nachfolgende Generation uns "ehrt" und ein Leben in Würde ermöglicht.

Vieles bleibt in diesen Geboten unausgesprochen: Dass unsre Eltern ja schon eine Vorleistung erbracht haben dadurch, dass sie sich die Mühe machten uns großzuziehen. Dass die meisten Alten nützliche Glieder unsrer Gesellschaft waren, bevor man sie in Rente schickte, und auch mal jung, gesund und stark, bevor das Alter seinen Tribut forderte.

Bitter ist es, dass heute Erfahrungen nicht mehr gelten und in den Betrieben junge Leute frisch von der Uni den älteren Arbeitnehmern Vorschriften machen wollen, wie sie ihre Arbeit zu tun haben. Oder dass Menschen über 50 kaum noch eine Stelle finden, weil sie angeblich nicht mehr leistungsfähig sind.

Was würde Jesus dazu sagen? Er würde nicht nur, sondern hat etwas dazu gesagt: "Neuer Wein gehört in neue Schläuche" (Weinsäcke aus Ziegenfell). Ältere Schläuche halten den beim Gären entstehenden Gasdruck nicht aus (Markus 2,22). Ohne Bild: Neue, gärende Ideen wie das junge Christentum bedürfen neuer Ausdrucksformen. Also weg mit dem alten Wein? Nein! Das Gären ist doch nur ein Übergangsprozess. Ziel ist ein ausgegorenes und gereiftes Getränk.

Wir haben heute ein besseres Bild: Im Auto sind zwei Pedale, zum Bremsen und zum Beschleunigen. Wir brauchen beide, wenn wir vorwärtskommen wollen. Junge, vorwärtsstrebende Gasgeber und alte, konservative Bremser müssen einander ergänzen. Solange jeder tut, was seinem Alter angemessen ist, stellt sich ein gesundes Mittelmaß von selbst ein. Leider aber haben heute Fortschritt, Turbo, Wachstum und Weltveränderung den absoluten Vorrang.

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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