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Auf einer Konfi-Freizeit nachts um halb drei wache ich auf und höre
im Nachbarzimmer munteres Geplauder. Obwohl doch seit halb elf
Nachtruhe ist. "Ei ihr Mädcher, was gibt's denn da noch zu babbele?
Wisst ihr, wie spät es ist?" – "Herr Tischner, mir könne net schlofe.
" – "Da gibt's ein ganz einfaches Mittel: Licht aus, Mund zu, Augen
zu." Eine Viertelstunde später schliefen alle. Ähnlich mache ich's
wenn mir im Bett noch so alle möglichen Gedanken durch den Kopf gehen.
Da kann man nämlich stundenlang liegen und grübeln. Ich sage auch mir:
"Licht aus, Mund zu (bzw. Gedanken aus), Augen zu" – und weg bin ich.
Dass wir keine Ruhe finden ist nicht nur ein Problem beim Einschlafen
und auch nicht bloß eine Frage des äußeren Geräuschpegels. Ich als
Schwerhöriger hab's ja leicht: Ich brauche bloß das Hörgerät abstellen
und auf einmal herrscht himmlische Ruhe. Und trotzdem finde auch ich
oft nicht zur Stille. Da hänge ich tagelang meinen Gedanken nach, die
mich umtreiben und beschäftigen, so dass ich mich wie oft nicht auf
die morgendliche Bibellese konzentrieren kann. Da kocht's und gärt's
in mir, weil mir da jemand auf den Schlips getreten hat oder gerade
eine Laus über meine Leber spaziert. Das kennt auch der Beter des
62. Psalms, der mit dem Wochenspruch anfängt. Er hat aber noch ganz
andere Probleme, als dass er nicht einschlafen kann, denn er steckt in
massiven Schwierigkeiten. Da gibt's Leute, die ihm übel willen,
vielleicht seine Nachbarn, vielleicht sogar dieselben, mit denen er am
Sabbat zusammen betet. Ein so leidgeprüfter Mensch hat ein Rezept
gefunden, wie er mit diesen Anfeindungen umgeht: indem er stille wird
vor Gott. Ein weiser Rabbi wurde einmal gefragt, warum Gott die
Gebete der Erzväter so oft erhört hat und unsere so selten. Antwort:
"Sie haben sich beim Beten mehr Zeit genommen." Nicht so, dass sie
Gott stundenlang in den Ohren gelegen hätten, sondern sie haben sich
vor dem eigentlichen Gebet viel Zeit genommen, um zur Ruhe zu kommen.
Denn "nur an einer stillen Stelle legt Gott seinen Anker an", haben
wir in meiner Jugend in einem Adventslied gesungen. Ich glaube, der
Rabbi hat Recht. Das wichtigste beim Beten ist für mich nicht das
Reden, sondern das Schweigen, das Zurruhekommen. Beten, so wie man's
landläufig versteht, ist dagegen nicht Schweigen, sondern Reden: Ich
habe ein Anliegen oder meist sogar viele, und das muss ich vor Gott
zur Sprache bringen. Und damit beschäftige ich mich weiter mit meinen
Alltagsproblemchen und kann nicht zur Ruhe kommen. Nein, probier's
doch mal, vor Gott einfach nichts zu tun als zu schweigen und selbst
zur Ruhe zu kommen. Versuch mal, "stille zu sein zu Gott", wie Luther
den Spruch übersetzt. Lass alle deine Gedanken und Sorgen einfach los.
Stell dir ein Liebespaar vor, dass händchenhaltend spazieren geht oder
eng umschlungen auf einer Parkbank sitzt. Die schnattern manchmal auch
nicht pausenlos, sondern gehen oder sitzen schweigend nebeneinander
und sind froh, dass sie beisammen sind. Probier's doch mal mit
Händchenhalten bei Gott. Einfach ein paar Minuten bei ihm sein und
seine Nähe spüren. Da wirst du merken, wie deine Sorgen und Ängste
nach und nach wie Seifenblasen zerplatzen. Und wenn ihr so eine Weile
Hand in Hand beieinander gewesen seid, dann kann es sein, dass du doch
das Bedürfnis hast, etwas zu reden. Dann tu's. Das ist recht gebetet.
Oder dass Gott das Bedürfnis hat, dir was zu sagen. Dann hör zu, was
er zu sagen hat. Es ist wichtig. Gott plaudert nicht munter drauf los,
sondern kann lange schweigen. Aber wenn er mal den Mund aufmacht, dann
hat er auch wirklich was zu sagen. Heinrich Tischner |