Andachten

Grundbegriffe des Glaubens: Schicksal

Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der HERR nicht tut? (Amos 3,6)
…der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut. (Jesaja 45,7)

Liebe Leserin, lieber Leser,

manche Menschen trifft es hart. Sie kommen ohne eigenes Verschulden und trotz ihrer Fähigkeiten auf keinen grünen Zweig. Meine Mutter zum Beispiel, eine Bauerntochter. Sie wäre gern aufs Gymnasium gegangen. Intelligent genug war sie. "Das ist nichts für Mädchen." Erfolgreiche Landwirtschaftsausbildung. Dann kam der Krieg, sie musste zu Hause mithelfen, da die Brüder Soldaten werden mussten und der Vater tödlich verunglückt war. Aus der Traum von Karriere. Nach dem Krieg ein kümmerliches Leben, sie wurde krank mit 35 und starb mit 67. Und trotz allem eine starke und kluge Frau. Sie hätte etwas Besseres verdient gehabt.

Aber "jeder ist doch seines Glückes Schmied", oder? Wenn er eine eigene Schmiede hat und die Geschäfte florieren, vielleicht. Und wenn man ihn gewähren lässt und wenn keine "höhere Gewalt" mit dem Vorschlaghammer dazwischenschlägt.

"Höhere Gewalt" steht nicht in der Bibel, sondern in den Gesetzen, das sind schädliche Ereignisse, für die keiner verantwortlich gemacht werden kann. Wenn ein Haus einstürzt, sucht man einen Schuldigen. Bei einem Erdbeben ist's "höhere Gewalt".

Auch "Schicksal" ist kein biblischer Begriff. Im Altertum glaubte man an Urgöttinnen, die Lebensfäden spinnen und nach Gutdünken abschneiden oder aus der Lostrommel ziehen, wie es weitergehen soll. Auch die Götter mussten sich ihnen fügen.

In den ältesten Teilen der Bibel glaubte man, dass alles, was uns widerfährt, von Gott kommt, das Gute wie das Schlechte (wie oben zitiert). Noch Hiob teilt diese Meinung und beugt sich unter Gottes Willen: "Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt!" (1,20) und: "Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?" (2,10) .

Das imponiert mir mehr als all die späteren Versuche Gott Zügel anzulegen ("Er bestraft die Bösen und belohnt die Guten." - "Gott kennt keine Lügen... Er hat sich gebunden an sein Wort") oder das Übel einem anderen anzulasten ("Das hat der böse Feind getan", Matthäus 13,28). Gott wird nach unsern Wünschen zurechtgestutzt. Und wenn was passiert, stehen wir fassungslos da und fragen: "Wie kann Gott so etwas zulassen?" Nein, er tut's und muss niemand fragen, ob er darf.

Und doch halte ich daran fest: "Gott sitzt im Regimente…" (Gerhard, EG 361,7) Ganz undemokratisch. Wir haben kein Mitspracherecht! Gott macht, was er will. So erlebe ich ja tatsächlich mein Leben und die Welt: Ein Durcheinander von Ereignissen, manche geplant, das meiste zufällig, daher kaum vorhersehbar und oft unvernünftig. Die ordnende Vernunft kriegt das nicht in den Griff. Auch nicht die fromme Vernunft. Die Welt ist und bleibt chaotisch. Ich kann sie nicht verstehen. Ein Gott der Willkür passt zu diesen Erfahrungen.

Und doch sitzt er "im Regimente", d.h. er hat seine Gründe für seine Entscheidungen. Es wäre kindisch zu meinen, ich wüsste besser, was gut für uns alle ist. Ich habe ja keinen Überblick und keine Ahnung. Ich glaube an eine "höhere Gewalt", die weiß was sie tut. Darum kann ich mit Möricke beten: "Herr! schicke, was du willt, Ein Liebes oder Leides; Ich bin vergnügt, daß beides Aus deinen Händen quillt." Und kann mit Gerhard singen "Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl. Ihn, ihn lass tun uns walten…"

Wenn ich daran glaube, habe ich nicht nur eine Erklärung für meine Schicksalsschläge, die ich aus der Rückschau vielleicht sogar verstehen und annehmen lerne, sondern ich bekomme auch einen Blick für das Gute, das Gott und andere an mir tun, und lerne dankbar zu sein.

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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