Andachten

Monatsspruch Oktober 2016

Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. (2. Korinther 3,17)

Liebe Leserin, lieber Leser,

nein, wo der Geist des Herrn ist, bin ich nicht frei, sondern gebunden. Ich kann nicht mehr tun, was ich will, sondern nur was er will. Er hat von mir Besitz ergriffen. Ich bin von ihm besessen. Ich bin nicht mehr Herr meiner selbst. Wie äußert sich das?

Er ist der Geist der Wahrheit. Frech lügen geht nicht. Reden, wie ich's gerade brauche, geht nicht. Die Schuld andern zuschieben geht nicht. Mich mit vorläufigen Wahrheiten zufrieden geben geht nicht. Nur die erlaubten Wörter gebrauchen und verbotene meiden geht auch nicht. Der Geist des Herrn hält mich straff an der Leine.

Er ist der Geist der Liebe, wie sie Jesus gelebt und gelehrt hat: Nicht an mich, sondern an die anderen und die Allgemeinheit denken. Nicht verurteilen, sondern verstehen und vergeben. Nicht haben wollen, sondern geben. Nicht herrschen, sondern dienen. Nicht hoch hinaus wollen, sondern unten bleiben. Nicht mich selbst behaupten, sondern verleugnen. Der Geist des Herrn macht mich frei von mir selbst.

Er ist der Geist des Friedens Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Der Friede fängt nicht an am Verhandlungstisch, sondern in mir selbst. Ich hadere immer wieder mit mir (und damit auch mit meinem Schöpfer). Doch ich versuche meinen Frieden zu finden. Dabei hilft mir die Erkenntnis, dass in Gott alle scheinbaren Gegensätze und Widersprüche in einer höheren Einheit aufgehoben werden. Deshalb kann ich jetzt schon meinem Gegner die Hand zur Versöhnung reichen und auch den lieben, der mir Böses getan hat.

Vom heiligen Augustinus stammt der Spruch: "Liebe und tu, was du willst." Das klingt verlockend: Du darfst alles und brauchst dir von niemand Vorschriften machen zu lassen: "Kann ja lieben, wen ich will", wen geht das was an? Nein: Lass dich vom Geist der Wahrheit, der Liebe und des Friedens erfüllen, dann kannst du tun, was du unter diesen Bedingungen noch wollen kannst (vieles geht nicht mehr, wie oben). Wenn du dich darauf einlässt, wirst du erstaunliche Erfahrungen machen:

Du wirst frei von dir selber und brauchst dich nicht mehr so wichtig zu nehmen.

Du wirst frei von dem, was die Leute sagen und denken, auch von Mode, Trend und dem Zwang mit der Zeit zu gehen. Und darfst deinem Gewissen folgen. Denn "Gott gehorchen macht frei".

Und noch erstaunlicher: Du wirst eins mit Gott. Du und er verschmelzen miteinander. Wie bei Jesus. Du betest wie er: "Dein Wille geschehe", und dann kannst du alles aus seiner Hand nehmen, was dir geschieht, Gutes, wie Böses. Weil "denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen." (Römer 8,28) Und du wirst erfahren, dass Gott sich auch deine Interessen zu eigen macht und dir alles gibt, was du brauchst.

Hohe Ideale! Wer kann sie erfüllen? Wir sind doch Menschen, die irren, Fehler machen und sündigen. Ich auch. Wer mich kennt, kann mir schnell nachweisen, dass ich in jeder Kleinigkeit meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge. - Ach hör doch auf. Ich kenne einen, der kann das noch viel besser, mir meine Fehler aufzählen. Selbstkritik ist gut. Und gerade deshalb brauchen wir Ideale, brauchen Ziele, brauchen einen Ansporn, um uns zu verbessern. Wenn einer Weltmeister im Hochsprung werden will, muss er klein anfangen und x-mal die Latte schmeißen, bis er's geschafft hat.

Ich kenne auch einen, der das letzte Wort zu sprechen hat. ER, nicht der kleinliche Meckerfritze in mir. ER vergibt keine Schulnoten, Goldmedaillen oder Einträge ins Sündenregister, sondern sagt zu mir: "Schön, dass du kommst. Komm rein, wir haben auf dich gewartet. Das Essen steht schon auf dem Tisch." Was du getan und gelassen hast, falsch oder richtig gemacht - vergiss es, geschenkt, von der Tafel abgewischt, es war alles umsonst, deine Fehler wie deine Verdienste, so wie du ja auch umsonst rein darfst, ohne Eintritt.

Es ist wahr: Es ist alles umsonst, unser Leben wie der Zugang zum Himmel.

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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