Andachten

Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. (Matthäus 6,14)

Liebe Leserin, lieber Leser,

auch im August möchte ich Jesus selbst zu Wort kommen lassen. Wir beten im Vaterunser: "Und vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern." Und Jesus fügt hinzu: Wie soll euch Gott vergeben, wenn ihr auch nicht bereit seid zu verzeihen?

Eigentlich ist es ein Kinderspiel: Da tritt mir jemand auf den Fuß und entschuldigt sich. Warum soll ich ihm böse sein? Er hat's doch nicht absichtlich getan. Und es tut ja schon nicht mehr weh. Was aber, wenn er sich nicht entschuldigt? Vielleicht hat er's nicht gemerkt. Oder er hat's gemerkt und schämt sich so, dass er sich nicht zu entschuldigen wagt. Soll ich ihn drauf aufmerksam machen, damit ich ihm vergeben kann? Ha, ich der gute Christ, der dem Mitmenschen seine Vergebungsbereitschaft um die Ohren schlägt und ihm genüsslich ein schlechtes Gewissen macht? Vergeben heißt doch bereit sein zu ertragen, leiden können. Einen Menschen lieben heißt ihn leiden können, ihn neben sich ertragen.

Leider sind die Mitmenschen aber so, dass sie uns auch mal absichtlich auf den Fuß treten. Oder Schlimmeres tun. Und dann müssen wir uns wehren. Oder? Vielleicht ist es ja auch gar kein "Nächster", mit dem ich irgendwie auch morgen und nächstes Jahr zurechtkommen muss, sondern ein Fremder, vielleicht sogar ein Verbrecher. Müssen wir auch das ertragen? Irgendwann reicht's aber!

Da brauchen wir Fingerspitzengefühl. Einerseits kann Wehrlosigkeit ein Zeichen von Schwäche sein, dann müssen wir uns auf noch mehr gefasst machen. Andrerseits schaden wir uns doch selbst, wenn wir ständig in Abwehrstellung und Alarmbereitschaft sind. Gereizt sein schadet den Nerven und sich streiten ist Zeit- und Kraftverschwendung. Die Ruhe bewahren und sich nicht provozieren lassen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.

So wie es in der Bibel steht, klingt das wie eine furchtbare Drohung: Wenn ich nicht vergebe, vergibt mir Gott auch nicht, dann rechnet er am Jüngsten Tag so unbarmherzig mit mir ab wie ich unbarmherzig war. Ehrlich: Wer rechnet denn mit so was? Leere Drohungen für kleine Kinder: "Wenn du nicht brav bist, dann frisst dich der Teufel." Oder noch schlimmer: "Dann stecke ich dir den Kopf zwischen die Ohren!" Wer glaubt denn noch solchen Unsinn?

Jesus will nicht drohen, sondern er denkt anders rum. Das zeigt er im Gleichnis vom unbarmherzigen "Schalksknecht": Ein Schuldner ist zahlungsunfähig. Nach damaligem Recht soll er samt seiner Familie als Sklave verkauft werde, damit der Gläubiger zu seinem Geld kommt. Der verzichtet aber auf seine Forderung. Dann kann aber der Begnadigte doch nicht bei einem anderen, der nicht zahlen kann, einen Kleckerbetrag eintreiben. Das passt nicht zusammen. (Matthäus 18,21-35). Wir sind zur Vergebung verpflichtet, weil Gott uns schon längst vergeben hat.

Ich las neulich eine Geschichte von einem Kriegmacher in Afrika. Der hatte unvorstellbare Grausamkeiten begangen und Kindersoldaten angeleitet, dasselbe zu tun. Jetzt ist er Prediger einer Kirche und sucht seine überlebenden Opfer auf, um sie um Vergebung zu bitten. Das ist für ihn nicht leicht und für die Opfer noch viel schwerer. Viele weisen ihn ab. Eine sehr schwere Buße, die er sich auferlegt hat.

Das ist ein Extremfall. Aber auch im Alltag ist es nicht leicht. Mir liegt es jetzt noch schwer im Magen, wie mich vor langer Zeit ein Christ behandelt hat. Ich hatte Jahre später Gelegenheit mit ihm darüber zu reden und wollte die Sache endlich bereinigen und ihm vergeben, aber er konnte sich an nichts erinnern. Für ihn war das eine Lappalie. Für mich nicht. Ich werde die Sache nicht los, weil er nicht mit sich reden ließ.

Herr Jesus, komm vom Himmel auf die Erde zurück, in unser Leben, in unsre Welt, und fang mit uns neu an das Reich Gottes Wirklichkeit werden zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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