Andachten

Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. (Matthäus 6,3)

Liebe Leserin, lieber Leser,

auch im Juli möchte ich Jesus selbst zu Wort kommen lassen. Er fragt uns in einem längeren Abschnitt der Bergpredigt nach den Motiven unsres Handelns: "Warum tust du das?"

So fragte ich einmal einen Schüler, den ich nach der Pause erwischte, wie er an seinem Tisch herum schnitzte. "Weil's mir Spaß macht." Die Nachbarin, die gerade die Wäsche in den Keller trägt, würde sagen: "Weil's notwendig ist."

Jesus macht sich Gedanken über die Erfüllung religiöser Pflichten: spenden, beten, fasten. Das war Vorschrift, kein Belieben. Einige machten eine Art Sport daraus. Denn es streichelt doch das Ego, wenn man sich auf die Schulter klopfen kann, weil man wieder mal seine Trägheit überwunden und eine Leistung vollbracht hat. Ja sie entdeckten: Man bewundert sich dabei nicht nur selbst, sondern man steigt in der Achtung seiner Mitmenschen. Also zogen sie die Show ab: Dem Bettler warf man nicht, wie üblich, im Vorbeigehen was in den Hut, sondern blieb stehen, kramte umständlich im Geldbeutel, begutachtete diese und jene Münze und überreichte sie in gekonnter Pose. Wozu dieses Theater? Um gesehen und gelobt zu werden.

Jesus empfiehlt: Verhalte dich dabei ganz unauffällig. Lass beim Spenden "deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut." Tu auch anderes nicht, um bewundert zu werden. Wichtig ist nicht, was die anderen von dir halten, sondern was Gott von dir hält.

Heute sagt man anders: "Tu Gutes und rede darüber." Wir können ja durch unser Verhalten anderen ein Vorbild sein, das geht aber nur, wenn sie sehen, was wir tun. "Wasser predigen" ist unehrlich, wenn wir nicht selbst dahinter stehen und öffentlich wie im "Kämmerlein" auch selbst Wasser trinken. "Mister Zehnprozent" hat das ganz geschickt gemacht: Er versprach 10% seines Einkommens für einen guten Zweck zu spenden, wenn mindestens zehn andere das auch tun. Er gab ein Vorbild, tat Gutes und redete darüber, aber blieb anonym. Was würde Jesus dazu sagen?

Ob anonym oder nicht - wichtiger ist doch die Frage nach unsern Beweggründen: Warum spenden wir? Doch hoffentlich um zu helfen. Da gibt es aber noch mehr fragwürdige Motive: das "Helfersyndrom", das meint um jeden Preis helfen zu müssen und eine Oma über die Straße zu führen, die gar nicht hinüber will. Oder dem Papst ein teures Auto schenken, weil er sich wohl keinen repräsentativen Wagen leisten kann. Da steht nicht der Mitmensch im Vordergrund, sondern das eigene Ich, das meint zu wissen, was der andere braucht. Und die Möglichkeit Macht auszuüben.

Die Juden haben eine bedenkenswerte Regel: Man soll bei milden Gaben (Almosen) darauf achten, dass man den anderen nicht beschämt, daher den Bettler nicht anschauen und ihm im Vorbeigehen etwas in den Hut werfen, also sozusagen anonym. Er soll dem Geber zu nichts verpflichtet sein. Deshalb haben Juden und Christen schon früh eine bessere Methode entwickelt: die Unterstützung aus einer gemeinsamen Kasse, in die jeder einzahlt. Das hat schon Jesus praktiziert, wie aus der Stelle zu entnehmen ist, dass Judas den Beutel hatte, aus dem die Armen unterstützt wurden (Johannes 13,29). Dass heute auch der Staat Bedürftige unterstützt, ist die konsequente Weiterentwicklung, alles schön anonym und ohne "Helfersyndrom" - aber sehr, sehr bürokratisch.

Angeblich hat jeder einen Rechtsanspruch auf ein Existenzminimum. Warum muss er aber lange bitten und betteln, Anträge stellen, Nachweise erbringen und sich Vorschriften machen lassen? Was würde Jesus dazu sagen? Das ist einer der Gründe, die für ein bedingungsloses Grundeinkommen sprechen, das jeder bekommt, egal ob Milliardär oder Habenichts. Das ist eine Frage des politischen Willens, nicht der Finanzierbarkeit. Und was würde Jesus dazu sagen?

Herr Jesus, komm vom Himmel auf die Erde zurück, in unser Leben, in unsre Welt, und fang mit uns neu an das Reich Gottes Wirklichkeit werden zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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