Andachten

Monatsspruch Juni 2016

Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. (2. Mose/Exodus 15,2)

Liebe Leserin, lieber Leser,

von weitem hört man Tatütata, Wagen mit Blaulicht kommen rasch näher. Die Autos fahren zu Seite, um eine Durchfahrt frei zu machen für Polizei, Notarzt, Krankenwagen, Feuerwehr. Da kommen Sicherheits- und Rettungskräfte. Es ist was passiert! Menschen sind in Not, da muss schnellstens gerettet werden. Retten, das heißt aus einer Gefahr herausholen, in Sicherheit bringen, versorgen, Schlimmeres verhindern.

Psalm 18 schildert ähnlich, wie Gott den Beter gerettet hat: Ein Hilferuf geht bei der himmlischen Notrufzentrale ein. Nicht irgendeine Hilfskraft, sondern Gott selbst macht sich auf den Weg, wirft den Motor an, der Rettungshubschrauber setzt sich in Bewegung, statt Martinshorn und Blaulicht Donnergrollen und Blitze; die Naturelemente weichen zur Seite und bilden eine Rettungsgasse. Was ist passiert? Der Beter steckt bis zum Hals ihn Schwierigkeiten. Der Retter ergreift ihn, zieht ihn heraus und bringt ihn in Sicherheit.

Israel hat am Anfang seiner Geschichte Ähnliches erlebt: die "Rettung am Schilfmeer": Ein paar Tage nach dem Abmarsch aus Ägypten stehen sie an einem Gewässer, im Hintergrund eine Staubwolke, Soldaten mit Streitwagen kommen näher. In Todesangst beten die Israeliten um Hilfe. Es wird Nacht, die Natur ist in Aufruhr, ein Sturm kommt auf, sonst passiert nichts. Am Morgen aber liegen die Leichen der Soldaten am Ufer. Gerettet - Israel, nicht die Ägypter. Bekannter ist die Geschichte von der Spaltung des Meeres (Exodus 14,21-29). - Die Verse 19-20 und 24-25 ergeben ein anderes Bild: Die Soldaten bekamen es in der Nacht mit der Angst zu tun, spannten an und wollten fliehen - und wurden von einer Flutwelle erfasst. Klingt nach Tsunami. Die Israeliten wurden gerettet, weil sie nicht kopflos davonrannten, sondern an ihrem Lagerplatz blieben. Nichts tun und abwarten ist allemal besser als hektische Aktivitäten. Der Erzähler stellt daher diese Erkenntnis an den Anfang der Geschichte: "Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein" (Vers 14). Die Ägypter mussten sterben, nicht weil sie böse waren, sondern weil sie in Panik gerieten. Was sie in der Wüste wollten, konnte man sie nicht mehr fragen: Flüchtlingen fangen? Ausländer töten? Vielleicht hatten sie ein anderes Ziel oder waren im Manöver.

Der Monatsspruch ist Teil eines Danklieds anlässlich dieses Ereignisses, einer der ältesten Texte der Bibel: "Ich will dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt. Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil." (Exodus 15,1+2, Luther)

Das Wunder ist nicht, dass Außergewöhnliches geschah und ein himmlischer Rettungshubschrauber alle Naturgesetze beiseitesetzte, sondern dass die Israeliten gerettet wurden. Am Schilfmeer gab's eine Naturkatastrophe. Die Rettung des Beters von Psalm 18 war wohl ganz unspektakulär: Er steckte im Pech und kam wieder heraus, mit Gottes Hilfe.

Ich habe selbst solche Wunder zu rechten Zeit erlebt: Im Januar 1968 hatten wir uns bei einer Wanderung im Wald verlaufen. Es wurde dunkel, und weit und breit war kein Licht zu sehen. Da kamen Engel - nein Waldarbeiter mit ihrem Auto, nahmen uns mit und brachten uns zu unserm Ziel. - Mein Auto stand auf Eis und die Räder drehten durch. Daneben flutete der Verkehr. Ich stand da und brauchte Hilfe. Erst nach längerer Zeit hielt ein Autofahrer an, stieg aus und schob mich an. - Jesus sagte zu einem Aussätzigen, er solle sich einem Priester vorstellen. Er ging und der Priester hob die Quarantäne auf. Ähnlich ging's mir: In den 90ern hatte ich "Aussatz", nicht Lepra, sondern Schuppenflechte. Da sprach mich ein wildfremder Mann an: "Da gibt's doch ein Mittel, gehen Sie mal zum Doktor." Mein Hausarzt sagte: "Stimmt" und verschrieb mir die Tabletten. Nach sechs Wochen war's vorbei. Das Wunder war nicht die Arznei, sondern der unerwartete Tipp.

Solche Wunder können nur geschehen, wenn wir "stille" sein und abwarten können und nicht in hektische Panik geraten.

Woran's uns heute fehlt, sind nicht die Wunder, sondern die Bereitschaft uns helfen zu lassen. "Nein danke, dass kann ich selbst" ist nicht immer die beste Antwort. Haltet die Augen offen für die Wunder, die immer noch geschehen. Und vergesst das Danken nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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