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Liebe Leserin, lieber Leser,
glaubst du an Wunder? Ich glaube dran, denn ich habe mehrere
erlebt. Eine einzige Akupunktur hat mich von einem bösartigen Husten
befreit, der mich jahrelang gequält hat. Wie bitte, das ist kein
Wunder, sondern die Kunst des Arztes? Dann lass dich auch mal mit
einer einzigen Akupunktur von einem bösartigen Husten befreien, und
dann unterhalten wir uns weiter.
Noch ein Wunder: Bei einer Wanderung im Westerwald hatten wir den
Anschluss an die Hauptgruppe verloren und waren auf einen falschen Weg
gekommen. Es war schon dunkel. Da kam mitten im tiefen Wald ein Auto,
las uns auf und brachte uns zum Ziel. Das glaubst du nicht? In dem
Auto saß ein Waldarbeiter, der Feierabend hatte.
Ein Wunder ist nicht etwas Unmögliches, sondern etwas
Ungewöhnliches, über das wir uns wundern. Etwas, was wir kaum zu
hoffen gewagt hätten (wie bei der Akupunktur) oder was genau zur
rechten Zeit kam (wie der Waldarbeiter).
Müssen wir an Wunder glauben? Müssen wir unser Hirn verrenken, um
selig zu werden und vor Gott bestehen zu können? Ich sage: Nein. Denn
der Glaube, auf den's ankommt, ist was Anderes.
Das zeigt uns die Geschichte, aus der unser Monatsspruch stammt:
Ein Vater hat einen Sohn, der ist Epileptiker. Der Mann weiß sich
nicht mehr zu helfen. In seiner Not wendet er sich an die Jünger, aber
die sind genauso machtlos. Schließlich kommt Jesus vorbei. Der Vater
schildert ihm seine Not und bittet ihn: "Wenn du aber etwas kannst, so
erbarme dich unser und hilf uns." – Jesus: "Du sagst: Wenn du etwas
kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt." Da antwortet der
Vater: "Ich glaube; hilf meinem Unglauben!"
Du merkst: Dem Vater geht's nicht drum, dass er gern glauben
möchte, dass Jesus Gottes Sohn ist und tatsächlich vor kurzem mit Mose
und Elija gesprochen hat (Markus 9,2-9), oder dass Mose das Schilfmeer
gespalten hat (2. Mose 14) und Elija Feuer vom Himmel hat fallen
lassen (1. Könige 18). Davon wird sein Sohn nicht gesund. Sondern er
will, dass der Sohn von seiner Epilepsie geheilt wird, und dazu muss
er glauben, dass Jesus ihm helfen kann.
Der Glaube, auf den's ankommt, ist kein Verzicht auf den gesunden
Menschenverstand, kein Mangel an Kritikfähigkeit, sondern die
Bereitschaft, sich helfen zu lassen, und Vertrauen zu dem, der helfen
kann.
Es muss noch nicht mal der eiserne Wille sein, eine Lösung zu
finden und gesund zu werden. Wir sagen: "Wo ein Wille ist, ist auch
ein Weg". Aber was ist, wenn wir zu schwach sind zu wollen? Der junge
Mann in der Geschichte wird gar nicht erst gefragt. Er ist ein
willenloses Opfer seiner Behinderung. Der Vater hat sicher auch keinen
starken Willen mehr nach der Enttäuschung, die er gerade erlebt hat.
Er schätzt sich selbst als "ungläubig" ein, d.h. er hat fast den
Glauben verloren, dass er doch noch Hilfe findet. Er ist nahe dran
aufzugeben und sich damit abzufinden, dass sein Sohn kein normales
Leben führen kann.
Jesus geht nicht gerade feinfühlig mit ihm um. Statt ihm Mut zu
machen, wie es nötig ist, scheint er ihn mit allgemeinen Wahrheiten zu
belehren – und ihn damit zu provozieren. Er weckt das letzte bisschen
Willen und Hoffnung in dem verzweifelten Mann: "Hilf meinem
Unglauben", hilf mir trotz meiner Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.
Erst jetzt kann Jesus tätig werden und macht den Sohn gesund.
Glauben heißt nicht Unmögliches für wahr halten, sondern die Chance
ergreifen, die sich bietet. Für mich war die Chance, dass das Auto kam
und der Fahrer mich zum Mitfahren einlud. Vielleicht war es
leichtsinnig gewesen von mir, nachts im Wald in ein unbekanntes Auto
zu steigen. Ich hab's gewagt, und mein "Glaube" an den guten Willen
des Fahrers hat mich nicht enttäuscht.
Trotzdem glaube ich nicht an hilfreiche Waldarbeiter, sondern an
Gott, der mir helfen kann und schon oft geholfen hat.
Mit freundlichen Grüßen
H. Tischner |