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Liebe Leserin, lieber Leser,
Herren gibt's heute keine mehr. Das Wort ist ein Überbleibsel aus
dem Mittelalter, als man noch zwischen den adligen Herren und
Untertanen unterschied. "Herr" ist nur noch Anrede vor einem Namen.
Statt "Herr Müller" könnte man auch einfach "Müller" sagen, aber das
klingt unhöflich.
Ehrlich gesagt, ich habe Probleme mit dem Wort "Herr". Der "Herr
Müller" ist nicht mein "Herr", auch wenn er mein Chef wäre oder
Bundespräsident und sonst eine Respektsperson. Ich bin ein freier
Mensch und kein Untertan oder Befehlsempfänger. Natürlich muss ich
mich an Gesetze und Vorschriften halten und an mein eigenes Wort,
das ich jemand gegeben habe. Das ist aber was anderes als untertan
sein und gehorchen. Ich bin und bleibe meine eigener Herr.
Wirklich? Und wie ist das mit der Pariser Basis, wonach wir
"Jesus Christus als unseren Herrn anerkennen"? Und wie ist das mit
dem Glaubensbekenntnis, in dem wir jeden Sonntag behaupten: "Ich
glaube an Jesus Christus, … unsern Herrn"? Und wie ist das mit dem
Monatsspruch: "bekennen, dass Jesus der Herr ist"? Und wie ist das
mit dem allgemeinen Bekenntnis zu "Gott, dem Herrn"? Na ja, das sind
überlieferte Redensarten, die wir übernommen haben und die wir mit
Leben füllen müssen.
Auch da tue ich mir schwer mit dem Wort "Herr". Ich habe
versucht, es durch andere Wörter zu ersetzen: "Jesus, unser Chef;
Gott, der Boss" – das klingt komisch und trifft nicht das, was
gemeint ist. Also bleibe ich lieber bei dem überlieferten "Herr".
Aber was ist denn gemeint? Ich kann nicht behaupten, dass ich von
Jesus oder Gott Befehle bekomme und ausführe. Was ich zu tun
versuche, ist das größte und einzige Gebot zu halten, das alle
anderen überflüssig macht: "Liebe Gott von ganzem Herzen und sei
lieb zu deinem Mitmenschen wie zu deinesgleichen." In diesem Sinne
ist Jesus mein Herr, will sagen: die einzige Autorität, die ich
anerkenne. Von daher verstehe ich auch Gott, denn "Gott ist Liebe,
und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm" (1.
Johannes 4,16). So lege ich auch das erste Gebot aus: "Du sollst
nichts als den höchsten Wert anerkennen, was sich nicht mit der
Liebe vereinbaren lässt."
Auch so bleibe ich mein eigener Herr. Ich bin kein
Befehlsempfänger, der ohne selbst nachzudenken tut, was verlangt
wird. Ich muss immer wieder neu herausfindet, was Liebe im konkreten
Fall erfordert. Ein Befehlsempfänger kann die Verantwortung auf den
Befehlshaber abwälzen. Ich bleibe Gott gegenüber verantwortlich. Er
wird mich einmal zur Rede stellen. Wenn ich mich falsch verhalten
habe, kann ich mich nicht damit herausreden: "Ich hab's doch nur gut
gemeint." Gott traut mir zu, den richtigen Weg zu finden, und gibt
mir die Freiheit, Fehler zu machen und aus den Fehlern zu lernen.
Gott wird mich zur Rede stellen, aber er ist kein unbarmherziger
Richter, der bestraft, sondern er wird sich meine Lebensbeichte
anhören, vielleicht mal den Kopf schütteln, ein paar Fragen stellen
oder seine Meinung sagen. Nicht wie ein Richter, sondern wie ein
Vater, der sich von seinem Kind erzählen lässt, wie es ihm auf der
Lebensreise ergangen ist. Und dann wird er sagen: "Was stehn wir da
draußen herum? Komm rein, der Tisch ist schon gedeckt. Ich freue
mich, dass du wieder da bist."
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |