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Liebe Leserin, lieber Leser,
"der Mensch ist ein Raubtier", sagte mein Professor der
Religionswissenschaft, "denn seine Augen sind nach vorn gerichtet
wie beim Wolf und Löwen, damit er seine Beute fixieren kann." Er
selbst war auch ein Raubtier, aber kein blutrünstiges. Er "jagte"
Erkenntnisse und Forschungsergebnisse. Was er uns vorsetzte, war
nicht aus der Tiefkühltruhe verstaubter Bücher, sondern
Frischfleisch, selbst gejagt und gewürzt mit selbst erlebten
Anekdoten. Man konnte ihm stundenlang zuhören.
Der Raubtierinstinkt schlummert in jedem von uns. Der eine jagt
Erlebnisse, der andere Rekorde, der dritte Wissen, der vierte Geld…
Jesus spricht unsern Jagdtrieb an, wenn er zu den ersten Jüngern
sagt, er wolle sie zu Menschenfischern machen, wenn er von einem
Kaufmann erzählt, der Perlen sammelte, wenn er vor den Schäden
warnt, die unsre Seele bei dieser Jagd davontragen kann.
Er redet nicht von Schäden, die wir dabei anderen Menschen
zufügen können, etwa indem wir ihnen etwas abnehmen oder sie selbst
jagen. Er redet auch nicht von Schäden, die durch übereifrige
Missionare entstehen können. Das Liebesgebot schließt aus, dass wir
anderen Schaden zufügen. Hier geht's drum, dass wir uns nicht selbst
kaputtmachen sollen durch unsre Jagd. Wie das?
Es ist doch klar: Sport ist Mord, besonders der
Hochleistungssport. Die Schinderei einer Tour de France verführt zum
Doping. Das zerstört nicht nur Vertrauen, sondern ruiniert auf die
Dauer wie andere Drogen den Körper. Die Jagd nach Geld verdirbt den
Charakter, macht unbarmherzig und unzufrieden. Das Sammeln von
Wissen kann süchtig machen wie Trinken oder Spielen. Man kann nicht
mehr aufhören und vernachlässigt das übrige Leben.
Jesus warnt vor Schäden, die unsere Seele nehmen könnte. Er denkt
etwa daran, dass wir unsern inneren Frieden verlieren, wenn wir
nicht unserm Gewissen folgen. Er denkt an die Gefahren der Habgier,
die nie genug kriegen kann und ewig unzufrieden sein muss. Er warnt
davor, dass wir vor lauter Hasten und Jagen nicht mehr zur Ruhe
kommen und den Kontakt mit Gott verlieren.
Zur Ruhe kommen wir erst, wenn wir Gott gefunden haben, wenn er
unser Herz mit Frieden und Liebe füllt. Das ist wie bei einem
Steinzeitjäger, der vor seiner Höhle sitzt und Ausschau nach Beute
hält: Er sitzt gesammelt und konzentriert da und beobachtet seine
Umwelt. Er rennt nicht ruhelos herum auf der Suche nach Beute. Aber
wenn ein Hase oder Mammut vorbei kommt, ist er blitzschnell auf den
Beinen, jagt und fängt und schlachtet und kehrt wieder zu seiner
Höhle zurück.
Ruhe in Gott gefunden haben zwingt uns nicht zur Untätigkeit
eines Einsiedlers. Aber wir haben einen Ruheplatz, von dem wir
aufbrechen, um zu tun was nötig ist, und zu dem wir anschließend
wieder zurückkehren.
In diesem Sinne: Friede sei mit dir.
Heinrich Tischner |