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Liebe Leserin, lieber Leser, hast du schon mal Raupen im Sauerkraut gesehen? Da wimmelt's doch
von diesen unappetitlichen Viehchern. Wirklich nicht? Dann hast du
die richtige Brille auf. Denn: "Wer durch des Argwohns Brille
schaut, sieht Raupen selbst im Sauerkraut" (Wilhelm Busch).
Im Ernst: Raupen mögen kein Sauerkraut und können die
Gärungsprozesse darin nicht überleben. Wer aber argwöhnisch ist,
wird noch Schlimmeres als Jungschmetterlinge erblicken. Er sieht
überall nur das Schlechte. Beispiel: "Die Ehe hat keine Zukunft,
denn jede dritte Ehe wird geschieden." Wie furchtbar! Nein: "Jede
zweite Ehe wird nicht geschieden!" Wenn sich ein Promi von seiner
fünften Lebensabschnittspartnerin trennt, und das passiert ja
ziemlich häufig, wird das in den Medien lang und breit bekakelt.
Wenn aber zwei Drittel aller Verheirateten sich lange Jahrzehnte die
Treue halten, hört man allenfalls bei hohen Ehejubiläen davon, und
die finden nur alle Jubeljahr statt. Unsere Wahrnehmung ist also
verzerrt: Wir sehen, was von der Norm abweicht, nicht was der Norm
entspricht.
Ein anderes Beispiel: "Die Christen sind nur noch eine kleine
Minderheit. Die Jugendlichen werden aus der Kirche rauskonfirmiert.
Kein Wunder, wenn der Atheismus immer mehr zunimmt." Auch falsch!
Richtig ist: Die meisten Westdeutschen gehören einer Kirche an. Die
Konfirmierten schicken auch Ihre Kinder in den Unterricht. Die
Konfirmation ist seit 500 Jahren immer noch ein Renner. Und der
Atheismus nimmt auch nicht zu, sondern eine Handvoll Atheisten
meldet sich immer lauter zu Wort. Nach einer neueren Umfrage hält
sich die überwiegende Mehrheit der Westdeutschen für religiös. Und
schweigt. Die Raupen sitzen also nicht im Sauerkraut, sondern auf
der Brille.
Genauso ist auch unsre Wahrnehmung verzerrt, was Glück und
Unglück angeht. Wir erfahren in den Medien von einer Unzahl von
Katastrophen, Unfällen, Kriegen und Verbrechen. Furchtbar, was die
Welt so schlecht ist! Bloß: Wie viel oder wie wenig davon geschieht
in unserem eigenen Lebensbereich? Ich ziehe Bilanz in meinem eigenen
Leben: Zweimal wurde mir der Geldbeutel und einmal das Fahrrad
gestohlen. Einmal das Auto aufgebrochen. Ein Totalschaden mit dem
Auto und ein paar harmlose Karambolagen, dazu etwa fünfmal
gefährlich gestürzt. Ein Schwelbrand. Einmal das Dach durch einen
Fliegerangriff abgedeckt und einmal vom Sturm. Einmal das Bein
gebrochen und einmal mehrere Tage im Krankenhaus. Uff, das ist ja
eine Menge, hätte ich nicht gedacht. Aber auf 66 Jahre verteilt.
Statistisch also jeden 1202. Tag ein schädliches Ereignis, das ist
gar nicht der Rede wert.
Auch beim Glauben haben wir eine Brille auf. Wir sehen dadurch
nicht, wo der Teufel seine Hand im Spiel hat, sondern wo Gott
wirksam ist. Der ist wie die schweigende Mehrheit: Er wirkt in der
Stille. Den schädigenden Ereignissen entspricht vielleicht dieselbe
Anzahl von Wundern, die ich erlebt habe. Aber das meiste von Gottes
Wirken habe ich gar nicht gemerkt: Ist es nicht auch ein Wunder,
dass ich immer noch halbwegs gesund bin und überhaupt noch lebe? Ist
es nicht auch ein Wunder, dass ich geliebt werde und lieben darf?
Ist es nicht auch ein Wunder, dass ich nie "in Versuchung geführt"
und immer wieder "vom Bösen erlöst" wurde. (Wozu beten wir denn
sonst das Vaterunser?) Das größte Wunder aber ist, wie mich Gott in
aller dieser Zeit geführt hat. An den entscheidenden Wendepunkten
wusste ich immer genau, was ich zu tun hatte. Mir blieb ja meistens
gar keine Wahl.
"Du musst nur zu sehen lernen, wie er dich so väterlich führt…"
Setz also deine Argwohnsbrille ab und die Glaubensbrille auf, du
wirst staunen.
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |