|
Liebe Leserin, lieber Leser, können auch herzlose Menschen Herzbeschwerden bekommen? Ich meine
nicht Patienten mit mechanischen Kunstherzen, sondern Leute, die
kein Herz für andere haben, weder Mitleid noch Barmherzigkeit kennen
und nur an sich denken.
Einige von ihnen sind sture Egoisten, die sich für ihren Erfolg
rücksichtslos durchboxen und notfalls über Leichen gehen. Das ist ja
das Rezept, nach dem Wirtschaft und Politik funktionieren und das
wir von Kinderbeinen an eingetrichtert bekommen. Man muss schon sehr
im Glauben verwurzelt und hinterm Mond daheim sein, wenn man anders
zu leben versucht.
Wir könnten uns bessern, wenn wir wollten. Es gibt aber Menschen,
die können es wirklich nicht. Ich denke an drei Typen: Den ersten
habe ich in der Jugendstrafanstalt kennengelernt: Jungendliche, die
als Kind keine Liebe erfahren haben. Einer sagte wörtlich: "Auf mich
hat nie jemand Rücksicht genommen. Warum sollte ich auf andere
Rücksicht nehmen?" Ich wusste darauf keine Antwort.
Der zweite Typ kann auch nichts dafür. Es gibt Menschen, die sind
sehr emotional, können sich herzlich freuen, furchtbar aufregen und
bei einem rührseligem Film Taschentücher nass weinen. Andere können
das nicht. Sie zeigen keine Gefühle und haben wahrscheinlich auch
keine. Das Temperament ist angeboren.
Der dritte Typ ist ähnlich, nur dass er die feinen Äußerungen der
Körpersprache nicht deuten kann. Er merkt nicht, dass er seinen
Gesprächspartner in Verlegenheit bringt, er erkennt nicht die
Signale für Zuneigung oder Ablehnung, versteht nicht, warum jemand
die Stirn runzelt, die Arme verschränkt, sich beim Zuhören
zurücklehnt oder vorbeugt. Er achtet nur auf den Sinn der Worte,
nicht darauf, wie sie gesagt werden. Er hat das nie gelernt und es
fehlt ihm das Einfühlungsvermögen.
Sie alle könnte man "herzlos" nennen, obwohl das wohl den meisten
gegenüber ungerecht wäre. Hesekiel schreibt im Monatsspruch aber
nicht von herzlosen Menschen, sondern von solchen, die zwar ein Herz
haben, aber eins aus Stein. Sie sind nicht fähig, sich etwas zu
Herzen zu nehmen und daraus zu lernen. Schon Mose hatte ja das
Gefühl, vor tauben Ohren zu predigen: Da meint man es gut und gibt
ihnen die zehn Gebote – und kaum ist man mal einen Augenblick nicht
da, da machen sie sich ein goldenes Kalb (2. Mose 32).
Ich kann die "halsstarrigen" Israeliten verstehen. Ich mag es
auch nicht, wenn man an mir herummeckert und mir Vorschriften machen
will. Ich bin alt genug und muss meinen eigenen Weg gehen.
Das Schlimme war ja nicht, dass die Zuhörer nicht gehorchen
wollten, sondern dass sie nicht fähig waren, aus ihren Erfahrungen
und der Geschichte zu lernen. Behaupteten jedenfalls die Propheten
und ihre Nachfolger. Hesekiel klagt aber nicht, sondern kündigt eine
Wende an: Gott will seinem Volk neue Herzen geben, nicht mehr aus
Stein, sondern aus Fleisch, die fähig sind zu hören und zu lernen.
Und er fährt fort: "…damit sie nach meinen Gesetzen leben und auf
meine Rechtsvorschriften achten und sie erfüllen. Sie werden mein
Volk sein und ich werde ihr Gott sein."
Tatsächlich hat sich seit Hesekiel vieles geändert. Die
verschleppten Juden in Babylonien haben angefangen, ihren Glauben
und die Thora ernst zu nehmen. Sie haben aus ihrer Geschichte
gelernt. Auch unsre Väter haben aus unsrer Geschichte gelernt. Sie
haben sich vom nationalsozialistischen Zeitgeist distanziert und zu
Jesus Christus als ihren alleinigen Herrn bekannt. Sie hatten nach
dem Zusammenbruch die Größe, sich für die Naziverbrechen öffentlich
zu entschuldigen, statt zu tun, als wäre nichts gewesen.
Und was ist mit uns heute? Sind wir bei diesem klaren Bekenntnis
zu Jesus Christus als allein maßgeblich geblieben? Ich habe eher den
Eindruck, dass der Zeitgeist wieder den heiligen Geist verdrängt
hat. Da kann man nur noch beten: "Herr, erneuere deine Christenheit
– und fange bei mir an. Schenke uns und schenke mir ein neues Herz –
ein Herz für dich und für meine Mitmenschen."
Mit freundlichen Grüßen
Heinrich Tischner |