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Liebe Leserin, lieber Leser, wir tun uns heute schwer damit, an
den alten Glaubensaussagen der Bibel festzuhalten. Sagen wir "Gott",
lachen uns die Atheisten aus. Sagen wir "Schöpfung", widersprechen
die Naturwissenschaftler. Sagen wir "Jesus", heißt es von allen
Seiten "ja, aber…" Sagen wir "Auferstehung und Himmelfahrt", dann
seien das mythologische Vorstellungen vergangener Zeiten. Sagen wir
"ewiges Leben", dann heißt es: "Nichts Genaues weiß man nicht. Es
ist noch keiner zurückgekommen." Sage ich sogar: "Ich hoffe auf ein
besseres Leben nach dem Tod", dann werde ich als weltfremder Spinner
abgetan, der sich aus der Welt zurückzieht, statt am jetzigen Leben
teilzunehmen, Unrecht anzuprangern und die Welt zu verändern.
Wie oft hat man mir erklärt und habe ich auch in frommen
Ausführungen gelesen: "Die Wissenschaft hat festgestellt: Es gibt
keine Seele." Denn das, was man für Seele gehalten hat, seien bloß
Funktionen unsres Nervensystems. Das stelle mit dem Tod seine
Tätigkeit ein. Was soll da den Tod überleben? (Ähnlich schon die
Gottlosen nach Weisheit Salomos 2,2-3, Apokryphen). – Wenn es aber
keine Seele gibt oder wenigstens Geist, der unabhängig vom Körper
ist, dann kann es auch keinen Gott geben. Denn Gottes Wesen ist
Geist (Johannes 4,24). Wenn es aber Gott gibt, dann kann es auch
eine Seele geben. Ich glaube an Geist und Seele und Jenseits, weil
ich an Gott glaube. So einfach ist das.
Ähnlich einfach argumentiert Paulus: Es muss eine Auferstehung
der Toten geben, weil Christus auferstanden ist, breit dargestellt
in 1. Korinther 15.
Wie stellt sich Paulus das vor? Nicht, wie es auf den bunten
Bildern der Sekten anzuschauen ist: ehemals Tote, die fröhlich und
gesund ihr Leben unter verbesserten Bedingungen fortsetzen. Paulus
meint das anders. Er spricht von einem "geistlichen Leib" der
Auferstandenen (1. Korinther 15,44). "Geist" ist sonst bei ihm das
genaue Gegenteil von "Leib" oder Materie. Paulus denkt also nicht an
ein wie auch immer geartetes körperliches, sondern an ein geistiges
Weiterleben. Aber nicht als gestaltloser Nebel, sondern so, dass man
den früheren Menschen wiedererkennen kann. Nicht an seinen Ohren
oder Fingerabdrücken, sondern an seiner unverkennbare
Persönlichkeit. Das meine ich, wenn ich von der unsterblichen Seele
rede. Was weiterlebt, ist nicht unser Bewusstsein, Denken, Fühlen
Wollen usw., sondern der Kern unsrer Persönlichkeit, als unser Name
eingetragen im himmlischen Buch des Lebens (Philipper 4,3),
unauslöschlich im Gedächtnis Gottes eingeprägt.
Paulus begnügt sich aber nicht mit der allgemeinen Folgerung: "Es
muss ein Leben nach dem Tod geben", sondern er schreibt: "Weil Jesus
auferstanden und in den Himmel gefahren ist, werden auch wir, werden
auch du und ich in den Himmel zu Gott kommen." Das will er mit dem
etwas ungeschickt formulieren Wochenspruch sagen. Ich drösele den
Satz auf: "Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und
auferstanden ist, (dann schließt das den Glauben ein), dass Gott
auch die, die gestorben sind, durch Jesus und mit Jesus (in den
Himmel) bringen wird." Jesus hat durch seine Auferstehung ein Loch
in die Gefängnismauern des Todes gebrochen und damit jedem, der das
ernsthaft will, den Weg zum Himmel freigemacht.
Paul Gerhardt bringt dies zum Ausdruck in wunderbaren Worten in
seinem Osterlied "Auf, auf, mein Herz mit Freuden" (EG 112), in dem
er beschreibt, wie der Auferstandene aus dem Totenreich ausbricht
und zu Gott zurückkehrt – und dabei mich mit herausreißt und
mitnimmt. Christi Auferstehung ist auch meine Auferstehung. Da es im
Jenseits keine Zeit mehr gibt, kann ich auch sagen: Er hat mich
schon damals an Ostern aus dem Totenreich in den Himmel gebracht.
Das bestätigt Jesus, wenn er sagt: "Wer an mich glaubt, der hat das
ewige Leben" – jetzt schon, zu Lebzeiten und nicht erst am Jüngsten
Tag (Johannes 6,47).
Ich möchte dir Mut machen, liebe Leserin, lieber Leser: Die
Stärke unsres Glaubens ist, dass wir weiter denken, über unser
irdisches Leben hinaus. Wenn es wahr ist, dass Christus auferstanden
ist, dann ist er jetzt in einer anderen Welt und dann muss es diese
andere Welt geben, die auch dir und mir offen steht.
Mit freundlichen Grüßen
Heinrich Tischner |