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Liebe Leserin, lieber Leser,
sind wir Christen leichtgläubige Phantasten? So kommt es mir vor, wenn
ich lese, wie manche Wissenschaftler Glauben erklären wollen: Er hat
seinen Sitz in bestimmten Hirnregionen, man kann ihn orten, wenn man
einen frommen Menschen in einen Apparat steckt und ihn beten oder
meditieren lässt. Weitergehende Untersuchungen wollen festgestellt
haben, dass in diesen Hirnwindungen auch Wahnvorstellungen und
epileptische Anfälle zu Hause sind. Womit erwiesen ist, was man schon
immer geahnt hat: "Religion ist eine Art Wahnvorstellung. Man muss ja
wohl verrückt sein, wenn man Geister sieht und Stimmen hört. Und sehr
ungebildet und naiv, wenn man für bare Münze nimmt, was Geisteskranke
erzählen."
Ist das richtig gedacht? Die Messungen haben die Fragen beantwortet,
die man gestellt hat: Was geht im Gehirn eines meditierenden
Buddhisten oder einer Nonne, vor, die den Rosenkranz betet? Um sich
konzentrieren zu können, müssen sie einen großen Teil der Wirklichkeit
ausblenden. Dasselbe geschieht wohl auch, wenn ich einen Brief
schreibe oder Zeitung lese. Dasselbe macht ein Hund, der eine Spur
verfolgt. Er achtet nur auf diesen Geruch und lässt sich nicht
ablenken durch Katzen oder Nachrichten, die andere Hunde an den Bäumen
hinterlassen haben. Das ist doch nicht Religion, sondern
Konzentration. Dann sind alle Wissenschaftler religiös oder
Phantasten, denn auch sie müssen sich auf ihre Arbeit konzentrieren.
Glaube ist etwas ganz Anderes. Aber was? Dafür gibt es mehrere
Antworten:
- Glaube ist Religion aus zweiter Hand. Nicht jeder hat das
Talent, religiöse Erfahrungen zu machen. Die meisten Menschen
begnügen sich mit dem, was sie von den Erlebnissen und
vorbildlichen Taten Anderer hören oder lesen. Dies ist die
katholische Auffassung, grob gesprochen: Glauben ist alles für
wahr halten, was die Kirche sagt.
- Glaube ist Gottvertrauen. Du musst nicht glauben, dass
Maria leibhaftig in den Himmel gefahren ist oder Luther mit dem
Tintenfass nach dem Teufel geschmissen hat. Du musst deinem
Verstand keine Gewalt antun, indem du alles wortwörtlich für wahr
hältst, was Kirchenvertreter behauptet haben. Es kommt nur auf
eins an: Schenke der frohen Botschaft Glauben, dass Jesus Christus
dich erlöst hat. Dies ist die evangelische Auffassung.
Beide Auffassungen finden sich schon in der Bibel. Das griechische
Wort pisteúein, das wir mit 'glauben' übersetzen, bedeutet
eigentlich 'vertrauen', wird aber oft gebraucht im Sinn von 'für
wahr halten'. Es ist ja auch logisch: Wenn ich Nachrichten höre
oder Zeitung lese, muss ich ja auch glauben, was da berichtet
wird. Ich kann's nicht nachprüfen und habe keine Lust, ein
Grubenunglück in China oder ein Selbstmordattentat in Bagdad
selbst mitzuerleben. Ich muss mich auf meine Zeitung und den von
mir bevorzugten Sender verlassen können. Glaube und Vertrauen
lassen sich nicht trennen.
- Glaube ist Vorwegnahme von bloß Angedachtem. Das ist die
Meinung des Hebräerbriefs. Der Monatsspruch selbst ist schwer zu
verstehen. Er wird aber durch die folgenden Beispielen erläutert:
Noah baute die Arche, weil er mit einer Überschwemmung rechnete.
Abraham hat es auf sich genommen, in ein fremdes Land zu ziehen,
in der Überzeugung, dass seine Nachkommen dieses Land einmal
besitzen würden. Mose wählte den schwereren Weg, sich zu den
unterdrückten Hebräern zu bekennen, weil er an den Sünden der
Ägypter keinen Anteil haben wollte.
Manche Menschen sehen Gespenster oder hören Stimmen. Andere haben
zukunftsweisende Visionen. Wie Barak Obama, der den US-Amerikanern
einredete "Yes, we can" und das unglaubliche Kunststück fertig
brachte, eine Krankenversicherung für alle einzuführen. Was wohl in so
einem Gehirn vorgehen mag? Aus welchen Hirnregionen wohl Zuversicht,
Inspiration, Sendungsbewusstsein, Überzeugungskraft und eiserner Wille
entspringen?
Christlicher Glaube ist nicht eine Form von Wahnsinn, sondern hat
etwas mit dieser Fähigkeit zu tun, einen Weg in die Zukunft zu finden.
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |