|
Liebe Leserin, lieber Leser,
es ist eine böse Zeit, in der wir leben. Ein kleiner Vulkan hält sich
nicht an das Rauchverbot und legt eine Woche lang den europäischen
Flugverkehr lahm. Deutschland ist auf einmal in einen Kriegseinsatz
verwickelt, den wir eigentlich vermeiden wollten. Ein Mitgliedsland
der EU konnte mit Geld nicht umgehen und wir müssen dafür blechen. Die
Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland wird mit
Alkohol am Steuer erwischt und tritt freiwillig zurück. Ein
katholischer Bischof hat vor Jahrzehnten Schulkindern ein paar
"Watschen" gegeben oder Schlimmeres und Gelder eines Waisenhauses für
Luxuswaren verplempert, leugnet erst und wird zum Rücktritt genötigt.
Von dem, was da alles im Privatleben abgeht, will ich mal gar nichts
sagen. "Die Menschen sind schlecht. Jeder denkt nur an sich."
Ist das was Neues? Was Amos über die damaligen Verhältnisse schreibt,
klingt auch nicht besser. Er prangert nicht nur die schlimmen
Verhältnisse an, sondern sagt auch die Zukunft voraus: Die Israeliten
werden in ein fremdes Land verschleppt werden.
"Macht keine Wallfahrt nach Rom, denn Rom wird untergehen. Pilgert
nicht nach Jerusalem, denn dort ist der Teufel los. Geht auch nicht
auf dem Jakobsweg, denn der wird sich als Holzweg erweisen" – so
könnten wir die Namen der damaligen Wallfahrtsorte willkürlich durch
moderne ersetzen. Das sind heute die beliebtesten Ziele. Als
evangelischer Christ halte ja ich nichts von Wallfahrten, auch nichts
von Fastenaktionen. und dem modernen Getue mit den Engeln. Obwohl auch
ich meinem Schutzengel viel zu verdanken habe, obwohl auch ich schon
mehrfach gefastet habe und an Wallfahrtssorten gekniet.
Amos macht uns im Monatsspruch darauf aufmerksam, worauf es ankommt:
Gott spricht: "Suchet mich, so werdet ihr leben." Ich suche nicht nach
meinem Schutzengel, sondern nach Gott. Ich habe gefastet, weil mir's
danach war und um abzunehmen, nicht weil ich den religiösen Kick
suchte. Und ich bin nach Jerusalem gefahren, nicht weil ich dort Gott
näher sein wollte, sondern um diese Stadt kennenzulernen. Aber auf dem
Golgathafelsen in der Grabeskirche hat's mich halt überwältigt.
Eigentlich brauche ich Gott ja nicht zu suchen. Ich weiß wo er ist.
Der zum Katholizismus übergetretene Johannes Scheffler war ein
verbohrter Fanatiker und hat nach dem 30-jährigen Krieg den
Evangelischen das Leben sehr schwer gemacht. Aber er hat tiefsinnige
geistliche Verse geschrieben, die ich sehr liebe. Einer lautet: "Halt
an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du ihn anderswo,
du (ver)fehlst ihn für und für." Der Himmel, das heißt Gott, ist in
mir. Ich weiß, wo er ist. Und trotzdem muss ich ihn mein Leben lang
suchen.
Natürlich kann ein Pilger in Wittenberg, Dieburg, Santiago de
Compostela in Spanien, Jerusalem, Mekka oder Benares in Indien Gott
finden. Wenn er Gott in seinem Herzen hat, wird er ihn sogar in der
Hölle bei sich haben.
Er kann Gott aber in sich haben und ihm trotzdem davonlaufen wollen,
wie es Jona versucht hat. So geht es auch heute noch manchen Menschen
und so kann es auch heute noch jedem von uns gehen. Gott meldet sich
ungesucht und ungefragt bei uns: "Jona, geh nach Ninive, blas denen
den Marsch und lies ihnen die Leviten." Oder: "Andrea, geh nach Afrika
und arbeite in der Mission" oder "Holger, geh in den Betrieb deines
Vaters und werde ein tüchtiger Handwerker." Wenn Jona stattdessen mit
dem Schiff nach Spanien fährt, wenn Andrea aus Westhofen Medizin
studiert und sich in Worms niederlässt und wenn Holger nach Brasilien
zur Indianermission geht, dann laufen sie Gott davon.
Gott suchen und finden, das bedeutet zu allererst: erkennen, wozu ich
auf der Welt bin, welchen Weg Gott für mich vorgesehen hat. Dafür gibt
es keine allgemeingültige Antwort. Für Jona war es falsch, nach
Spanien zu wollen. Für Gesine kann es falsch sein nicht nach Spanien
zu gehen.
Natürlich erwartet Gott von uns allen, dass wir uns an die Spielregeln
halten. Micha 6,8 hat das so formuliert: "Es ist dir gesagt, Mensch,
was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort
halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott."
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |