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Liebe Leserin, lieber Leser,
ein schöner Traum vom Weltfrieden, den uns der Prophet Jesaja da
vor Augen führt! Das Problem ist nur: Dieser Traum ist seither immer
noch nicht wahr geworden. Ein Geschichtsforscher hat ausgerechnet,
dass in den letzten 2.000 Jahren noch nicht einmal ein einziges Jahr
Frieden gewesen ist auf der Welt. Irgendwo hat immer jemand das
Schwert erhoben, den Bogen gespannt und das Gewehr angelegt. Ich
vermute, dass seitdem Tag für Tag Sicheln zu Spießen gemacht und neben
Autos auch Panzer hergestellt wurden.
Jesaja träumt aber nicht nur vom Frieden, sondern hat sehr genauer
Vorstellungen, wie Friede verwirklicht werden kann: Die Abrüstung, von
der wir in dem bekannten Spruch oben lesen, ist nicht der Anfang des
Friedens, sondern nur ein weiterer Schritt dorthin.
Vorher lesen wir, wie es zur Abrüstung kommt:
"… zur letzten Zeit … werden alle Nationen herzulaufen und viele
Völker hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN
gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und
wir wandeln auf seinen Pfaden! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und
des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Nationen
und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu
Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk
wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht
mehr lernen, Krieg zu führen."
Der Frieden braucht also eine von allen Völkern anerkannte
Rechtsordnung. Jesaja denkt dabei an das Gottesrecht, das in Jerusalem
gepflegt wird, und hofft, dass es internationale Gültigkeit bekommt.
Jerusalem wird dann zwar nicht Welthauptstadt werden, aber Sitz der
wichtigsten juristischen Universität und des Obersten Gerichtshofs,
der im Namen Gottes alle internationalen Streitigkeiten schlichtet und
Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahndet. Erst dann ist Friede
möglich, Abrüstung sinnvoll und militärische und strategische
Ausbildung überflüssig.
Also kein märchenhafter Traum, sondern sehr konkrete Vorstellungen,
wie ein dauerhafter Weltfriede Wirklichkeit werden kann!
Was ist daraus geworden? Das Gottesrecht ist offensichtlich
verkommen – christlicherseits zu einer unverbindlichen Moral –
jüdischerseits zu einem unbequemen Zeremonialgesetz. Aber es hat ganz
andere Auswirkungen gehabt, als sich Jesaja träumen ließ: Die
Menschenrechte, die auch in unserem Grundgesetz verankert sind, sind
zwar nicht wörtlich aus der Bibel abgeschrieben, aber sie sind von
Menschen formuliert, die in ihrem Denken von der Bibel geprägt wurden.
Die Grundsätze der Gleichheit, der Menschenwürde, der sozialen
Gerechtigkeit sind auf biblischem Boden gewachsen.
Was fehlt uns dann noch für den Weltfrieden? Ich glaube, wir sind
näher dran, als wir denken: Es gibt ja bereits internationale
Institutionen, die in der Vergangenheit wohl schon viele Konflikte
friedlich geregelt haben. Es gibt ja schon ein Völkerrecht, das
eigentlich Kriege unnötig machen müsste. Es gibt ja schon
internationale Gerichte, die auch Verstöße gegen die Menschlichkeit
und Kriegsverbrechen ahnden können. Was uns fehlt, sind Machtmittel um
die Einhaltung des Völkerrechts zu erzwingen.
Vor über 500 Jahren hat der damalige Kaiser Maximilian den
"allgemeinen Landfrieden" verkündet und damit Privatkriege der Fürsten
und Ritter untereinander bei Strafe verboten. Es hat lange gedauert,
bis sich der Landfriede in Deutschland wirklich durchgesetzt hat. Noch
vor 144 Jahren haben Deutsche auf Deutsche geschossen. Aber die Idee
des Kaisers ist langfristig dennoch Wirklichkeit geworden. Und wir
hoffen, dass es dabei bleibt.
Und so, wie schließlich doch der Friede in unserem Land gesiegt
hat, so muss auch eines Tages der Friede in der Welt siegen. Dazu
brauchen wir Menschen, die fähig sind, ein brauchbares Konzept zu
entwickeln und politisch zu verwirklichen. Denn der Friede darf nicht
nur vom guten Willen und vom labilen Gleichgewicht der Kräfte
abhängen. Sondern er braucht eine solide organisatorische Grundlage.
Davon konnte Jesaja nur träumen. Ich hoffe, dass ihr den Tag noch
erleben dürft, an dem dieser Traum in Erfüllung geht.
Mit freundlichen Grüßen Heinrich Tischner |